CROSSMEDIA
08
Nove.2012

„Verlage müssen ihre digitalen Hausaufgaben erledigen“

Leander Wattig berät seit 2007 Unternehmen aus der Verlagsbranche und sorgt mit Initiativen wie „Ich mach was mit Büchern“ oder dem Virenschleuder-Preis für die dynamische Vernetzung in einem doch eher traditionellen Feld. Next Media sprach mit dem Blogger und Berater über die digitalen Herausforderungen der Buch- und Verlagsbranche.

Next Media: Joanne K. Rowling und Cornelia Funke haben mit ihren erfolgreichen Buchreihen gezeigt, wie Vermarktung heute funktioniert. Werden in ein paar Jahren gute Stories also nur noch von einem Team aus Autoren, Gamedesignern und Programmierern erdacht werden?

Leander Wattig: Nicht nur, aber auch. Mit Aufkommen des Internets wurde bereits das kollaborative Schreiben herbeigesehnt, doch noch haben sich diese Wünsche nicht erfüllt. Die Anforderungen an die Autoren haben sich aber an vielen Stellen bereits geändert. So hat Bastei Lübbe für seinen digitalen Serienroman „Apocalypsis“ ein Autorencasting veranstaltet, aus dem mit Mario Giordano ein Drehbuchautor als Sieger hervorging.

Next Media: Jahrelang wurde der Durchbruch von Mobile prophezeit. In der Buch- und Verlagswelt werden E-Books ähnlich stark herbeigesehnt. Wie ist denn der aktuelle Stand in Deutschland?

Leander Wattig: Ich selbst habe erstmals Ende der 90er von E-Readern gelesen, aber erst jetzt sind mit der technischen Entwicklung von Smartphones, Tablets und E-Ink-Geräten langsam die Voraussetzungen für einen E-Book-Markt gegeben. In Deutschland sehe ich eine dynamische Entwicklung. Derzeit werden gut zwei Prozent der Umsätze im E-Book-Bereich generiert und der Anteil wird weiter stark wachsen.

Next Media: Dennoch wird der meiste Umsatz nach wie vor im Printbereich gemacht.

Leander Wattig: Die Entwicklung ist natürlich an die Mediennutzung gekoppelt, hier stehen wir noch am Anfang. Wie übrigens auch bei der Marktinfrastruktur. Noch vor wenigen Jahren gab es Dienstleister wie Bookwire oder readbox nicht. Ein Problem ist auch, dass viele Inhalte noch gar nicht als E-Book vorliegen. Die Verlage müssen ihr Content-Management komplett neu denken, was Zeit braucht. Insgesamt kann man diese Phase also noch immer als Pionierzeit für E-Books bezeichnen.

Next Media: E-Books müssen sich aber erst noch zu einem eigenen Genre entwickeln. Viele Verlage erstellen einfach eine digitale Kopie ihres Printproduktes und verzichten auf Designs, Sounds oder level-artige Games-Komponenten.

Leander Wattig: Das Printgeschäft ist  natürlich noch die Haupt-Einnahmequelle und E-Books sind eher eine Ergänzung. Zudem sind vielen Verlagen Zusatzinhalte noch zu aufwändig und es ist unsicher, ob die Kunden dafür überhaupt zu zahlen bereit sind. Andererseits eröffnet beispielsweise EPUB 3 neue Möglichkeiten Bücher anzureichern und alle Akteure müssen vor dem Hintergrund der heutigen technischen Möglichkeiten ihre Hausaufgaben machen herauszufinden, was die Kunden eigentlich wollen. Denn wer konsequent digital denkt, wird nicht bei E-Books mit Fließtext stehen bleiben können.

Next Media: Neben Apple und iTunes stellt Amazon eine der größten Herausforderungen für die Buch- und Verlagsbranche dar. Gibt es hierzulande überhaupt Antworten darauf?

Leander Wattig: Amazon ist auf der gesamten Wertschöpfungskette aktiv und es gibt aktuell keinen Herausforderer, der es überall mit ihnen aufnehmen kann. Es formiert sich aber allerorten Widerstand, was jüngst die Fusion von Random House und Penguin gezeigt hat oder der Boykott des Amazons-Verlags “New Harvest” seitens des US-Buchhandels. In Deutschland sehen wir überall auf dem Markt Bewegung. Ausgelöst durch den Self-Publishing-Trend machen sich immer mehr Verlage konkret Gedanken über ihr Dienstleistungs-Portfolio und fangen sogar an, Weiterbildungsangebote für eigene und fremde Autoren anzubieten. Auf der anderen Seite versuchen sie sich selbst fit zu machen für eine Vertriebswelt, die perspektivisch ohne den stationären Buchhandel und mit gefühlten Monopolisten wie Amazon leben muss und in der sie am ehesten dann eine Chance haben, wenn sie den direkten Kundenkontakt aufbauen. Der Hamburger Carlsen-Verlag ist hier beispielsweise schon recht gut aufgestellt.

Next Media: Alle Medienbranchen sind bereits vom digitalen Wandel ergriffen. Wie schlägt sich die Buchbranche im Vergleich?

Leander Wattig: Es gibt nicht die eine Zukunft der Buchbranche, dafür sind die Marktteilnehmer einfach zu unterschiedlich. Fachverlage wie Haufe sehen sich zum Beispiel gar nicht mehr unbedingt als Verlag, sondern als software-basierter Problemlöser. Insgesamt glaube ich, dass die Branche mit den Herausforderungen schon besser umgeht, als es die Außenwahrnehmung vermuten lässt. Dennoch muss der Wandel in allen Bereichen weiter vorangetrieben werden. Die Branche muss weg kommen vom Formatdenken, eine echte Gründerkultur entwickeln und sich attraktiv machen für die heute notwendigen Mitarbeiter – also gerade auch IT-Leute.

Next Media: Auf welche Themen und Veränderungen muss sich die Verlagsbranche 2013 einstellen?

Leander Wattig: Die Technik bleibt der größte Veränderungstreiber. Die Veränderungsgeschwindigkeit wird eher weiter zunehmen. Wir werden sicher weitere Experimente mit Geschäftsmodellen wie Abos und Flatrates sehen, was beispielsweise Skoobe und PaperC schon vormachen. Auf der inhaltlichen Ebene werden Serienformate und eigenentwickelte Themenmarken, die dann auch den Verlagen gehören, an Bedeutung gewinnen. Und natürlich wird 2013 die Diskussion rund um die großen Themen Urheberrecht und Self-Publishing nicht nachlassen. Selbst der Börsenverein des Deutschen Buchhandels sieht hier nämlich inzwischen Diskussionsbedarf.

Next Media: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Jan C. Rode
Bildnachweise: Leander Wattig / flickr.com User Andrew Mason

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