CROSSMEDIA
09
Deze.2014

Backyard TV: Quo Vadis Content - Wie funktioniert Journalismus im digitalen Zeitalter?

Print und Online, Online und Offline verschmelzen – die Digitalisierung ist kein Hype, sondern eine kontinuierliche Entwicklung, die seit geraumer Zeit für deutliche Veränderungen in der Medienlandschaft sorgt, beispielsweise in der Darstellung und dem Konsum von Inhalten. Vor allem auf die Arbeitsweise und das Berufsfeld des Journalisten hat dieser Transformationsprozess wesentliche Auswirkungen. Was bedeutet es also im 21. Jahrhundert Journalist zu sein? Welchen Einfluss hat der Leser auf den Arbeitsalltag? Wie finanziert sich der Journalismus in Zukunft und was muss sich primär in den Köpfen der Journalisten ändern, um erfolgreich zu sein?

Die vierte Folge Backyard TV der Standortinitiative nextMedia.Hamburg beschäftigt sich genau mit diesen Fragen. Dabei beleuchten Stephan Weichert, Medienwissenschaftler und Professor an der Macromedia Hochschule in Hamburg sowie Leiter des Studiengangs Digital Journalism an der HMS, Andreas Wolfers, Journalist und Leiter der Henri-Nannen-Schule und Online-Redakteurin Christina Mühlparzer von hostwriter das Thema näher.





// Im Schnack mit Stephan Weichert, Andreas Wolfers und Christina Mühlparzer

„Ich glaube es ist Zeit einen Reset-Knopf zu drücken“, meint Stephan Weichert, denn laut dem Medienwissenschaftler sind bei vielen Journalisten die Digitalisierung und die sich daraus ergebenden neuen Chancen und Möglichkeiten noch nicht wirklich angekommen. Einen Reset-Knopf drücken, also nochmal bei null anfangen, primär also die Denkweise erneuern und in den Köpfen der Journalisten verändern. „Die Folgen für den Berufsstand sind radikal, weil sich das Nutzungsverhalten komplett verändert“, fügt Weichert hinzu und auch Andreas Wolfers weiß: „Wir leben in einer Zeit, wo wir so nah an unseren Lesern und Usern sind wie nie zuvor und das müssen wir nutzen können.“ Damit treffen die beiden ins Schwarze, denn eine gute Schreibe reicht heutzutage bei weitem nicht mehr aus, um sich als erfolgreicher und guter Journalist in der Medienwelt platzieren zu können. Seine Leser mitzureißen, dafür sind zwar die klassischen Tugenden der gut recherchierten und ansprechend formulierten Geschichte weiterhin die Grundlage, doch welche Anforderungen ein Journalist schon heute zusätzlich erfüllen muss, weiß Christina Mühlparzer: „Ein Journalist im Jahr 2014 muss digitale Vertriebskanäle im Blick haben, also auch crossmedial berichten können und zudem Kooperationen als Recherchetool zu nutzen wissen.“ Die größten Herausforderungen sind also die Umstellung auf eine crossmedial gedachte Arbeitsweise, der Umgang mit der Multimedialität und Interaktivität des Internets und dabei eine gekonnte Inszenierung von Bild, Text, Ton und Bewegtbild. Doch damit ist das Berufsfeld eines Journalisten im digitalen Zeitalter noch nicht abgedeckt, wie die Online-Redakteurin von hostwriter verrät: „Wenn man sich fragt, ob ein Journalist auch Unternehmer sein soll, dann ist bei freien Journalisten oder eigenen Projekten immer ein gewisser unternehmerischer Geist notwendig.“

Ob und wie sich mit diesem unternehmerischen Geist der Journalismus künftig finanzieren wird, kann keiner der drei Gesprächspartner eindeutig beantworten. Trotzdem gibt es verschiedene Denkanstöße und Perspektiven, welche die Arbeitsweise der Inhalteproduzenten ideal auf die Verhaltensweise der Leser bzw. der User abstimmen könnten. „Journalisten als Künstler und Kuratoren müssen neue Formen ausprobieren und herausfinden, welche nicht nur inhaltlich funktionieren, sondern auch refinanzierbar sind“, meint Journalist Andreas Wolfers. Hierfür gilt ebenfalls der Reset-Gedanke, also nicht auf der alten Denkweise beharren, sondern mit offenen Augen durch die Medienlandschaft zu wandern, um neue Möglichkeiten zu entdecken, auszuprobieren und somit investigativen Journalismus umzusetzen.

Laut Stephan Weichert wird es jedoch immer journalistische Disziplinen geben, die sich schwerer refinanzieren lassen, wie beispielsweise der investigative Journalismus: „Dieser Bereich wird immer chronisch unterfinanziert sein. Bei alternativen Finanzierungsmöglichkeiten denke ich stark an Subventionen, im Sinne von Stiftungen, Mäzenaten und Spenden.“ Wolfers, Leiter der Henri-Nannen-Schule, sieht diese Lösung auch als ein hilfreiches Mittel für die aktuelle Übergangsphase an, allerdings wird sie nicht der Schlüssel zum sich selbst finanzierenden digitalen Journalismus sein: „Die Zukunft liegt meines Erachtens in Special Interest Angeboten im Netz.“ Journalisten müssen sich in Zukunft auf kleine Zielgruppen konzentrieren, diese mit qualitativ hochwertigem Content beliefern, um somit einen angemessenen Preis für ihre Geschichten zu erzielen. Und genau solche Angebote gibt es bereits: Politico, Geo-Epoche oder Stiftung Warentest. Doch bevor das tägliche Brot mit bezahlten Inhalten im Netz zu verdienen ist, muss sich auch auf Seiten der Leser ein essentieller Gedanke etablieren, weiß Wolfers: „Wir müssen die User daran gewöhnen für Inhalte zu zahlen.“  Denn nur auf diese Weise kann die Zukunft des Journalismus funktionieren, nur so können sich Inhalte finanzieren. Was die Mediengattungen angeht, geht Wolfers sogar noch einen Schritt weiter: „Ich glaube nicht, dass es General Interest Magazine in fünf Jahren noch geben wird.“

Nicht nur er hegt diese neue Denkweise, auch viele andere Journalisten haben den Reset-Knopf gedrückt und Projekte wie Krautreporter und correctiv ins Leben gerufen. Mut machen sie damit nicht nur der Branche, sondern auch Stephan Weichert: „Dieser Beruf hat im Moment so viel Aufbruchsstimmung und es gibt eine neue Lust neue Experimente zu starten.“ Auch Christina Mühlparzer blickt gespannt gen Zukunft: „Ich hoffe, dass durch den Mut junger Journalisten neue Formen entstehen, welche die gut recherchierte Geschichte in den Vordergrund stellen.“ Fest steht, dass sich Journalismus weiterhin lohnt – zwar erfordert die Digitalisierung ein neues Selbstverständnis des künftigen Journalismus, dennoch eröffnet sie nie dagewesene Möglichkeiten und den Raum, digitalen und investigativen Journalismus selbst zu gestalten.


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