CROSSMEDIA
28
Augu.2014

Das Dilemma mit der Disruption (The Spectator)

Prof. Christensen, heute lehrt er in Harvard, versteht darunter: „Disruptive innovation describes a process by which a product or service takes intially roots in simple applications at the bottom of the market and then relentlessly moves up market, eventually displacing established competitors.“

Dies kann ein anfänglich qualitativ weniger gutes Produkt sein, das allerdings neue Zielgruppen erreicht und nach und nach eine ganze Industrie zu verschlingen vermag. Beispiel: Digitalkameras. Deren Qualität war anfänglich in vielerlei Hinsicht nicht gut, analoge Kameras wurden noch gekauft – heute sieht das komplett anders aus.

Im kürzlich veröffentlichten „Innovation Report“ der „New York Times“ wird Disruption ebenfalls prominent zitiert. „Heute hofft ein Rudel von neuen Startups unsere Industrie auseinander zu brechen (disrupt) durch einen Angriff auf den etabliertesten Vertreter – die New York Times“.

Die Autorin Jil Lapore hat in einer klugen Polemik im „New Yorker“ den Hype um die Disruption relativiert. Zitat: „Ein Rudel angreifender Startups klingt wie ein Rudel fresswütiger Hyänen, aber im Grundsatz lässt die Sprache der Disruption die Rhetorik eines anderen Konfliktes – eine Sprache der Panik, Angst, Asymmetrie und des Chaos – anklingen, in dem ein Startup sich weigert, nach etablierten Regeln zu spielen und den Wettbewerb explodieren lässt. Startups ... sehen so klein und machtlos aus, bis man merkt, - wenn es zu spät ist – dass sie umwerfend zerstörerisch sind ... Ka-Boom!“

Jil Lapore spitzt ihre Kritik an der Theorie der Disruption zu, für sie ist „disruptive Innovation die Wettbewerbsstrategie für ein Zeitalter unter dem Alpdruck des Terrorismus“. Am Endes des Tages sei dies eine Theorie darüber „warum Unternehmen scheitern ... (aber) sie erklärt nicht den Wandel. Sie ist auch kein Naturgesetz. Sie ist schon gar kein guter Prophet.“

Neben dem Umstand, dass Prof. Christensen Anfang des Jahrtausends mit einem Disruptive Growth Fund sang- und klanglos scheiterte, sind seine Voraussagen bisweilen sehr gewagt. 2007 sagte er der Business Week, dass seine Theorie vorhersage, Apple werde keinen Erfolg haben mit dem iPhone. Das Handelsblatt meldete Anfang 2014 hingegen: Apple verkaufte allein in den ersten drei Monaten diesen Jahres 43,7 Millionen iPhones. Der Quartalsgewinn von Apple lag bei 10,2 Milliarden Dollar.

Jedenfalls liefert uns die New Yorker-Autorin interessante Überlegungen und holt die disruptive Innovation wieder auf den Boden zurück. Oder besser: The Innovator’s Dilemma wird dann selbst zum Dilemma, wenn sie zum Dogma erhoben wird. Und bei welchem unbedingten Wahrheitsanspruch auch immer sollten wir – bitte sehr – vorsichtig sein.

 

Text und Foto: Andreas Wrede

Neuen Kommentar schreiben