CROSSMEDIA
29
Augu.2014

nextMedia.Schnack: Prof. Dr. Stephan Weichert, VOCER.ORG

nextMedia.Hamburg: Hallo Herr Weichert, der Wandel in der Journalismusbranche ist spannend und beängstigend zugleich. Spannend, weil es viele neue und interessante Projekte wie die Krautreporter oder die Crowdspondenten gibt - andererseits jedoch in den großen Zeitungsverlagen mit einer schrumpfenden Leserschaft gekämpft wird. Der Bauer Verlag will 100 Millionen Euro in Startups investieren, bei denen es vorranging um das erzielen einer Rendite geht. Was meinen Sie? Wäre das ein Weg, um Journalismus zu finanzieren - indem man sich neue, losgelöste Finanzierungsquellen schafft? 

Stephan Weichert: Ja, selbstverständlich! Journalismus wurde schon immer querfinanziert – ob durch klassische Werbung, Kleinanzeigen, oder jetzt eben durch alternative Geschäftsfelder wie digitale Startups. Die aus meiner Sicht interessantere Frage ist jedoch, ob Medienunternehmen, die mit Hundefutter oder Dating-Portalen plötzlich sehr viel Rendite machen, sich früher oder später von ihrer journalistischen Identität verabschieden. Zweiter Gedanke: Je mehr diese Unternehmen mit eher fragwürdigen Produkten zu handeln beginnen und ihr Geld verdienen, desto unglaubwürdiger werden ihre journalistischen Angebote. Wenn Sie das Beispiel Lagardère in Frankreich nehmen, deren Medienangebote sich vor allem durch die Aktivitäten des Konzerns in der Raumfahrt- und Rüstungsindustrie finanzieren, ist es mit der journalistischen Glaubwürdigkeit nicht weit her.

nextMedia.Hamburg: Hamburg als Medienstandort: Gruner+Jahr haben hier ihren Hauptsitz, der Bauer-Verlag, viele kleine Agenturen, Medienproduktionsfirmen, Softwarehäuser, Gameschmieden. Hamburgs Unternehmensmix ist seine Stärke. Reicht das für den Titel Medienhauptstadt oder was muss geschehen, um ihn zu verdienen?

Stephan Weichert: Hamburg ist und bleibt einer der wichtigsten Medienstandorte in Deutschland – neben Berlin, München und Köln. Auch dank einer ebenso cleveren wie durchdachten Medien- und Förderpolitik wurden in Hamburg in den vergangenen Jahren einige Hebel bewegt, um die Performance der Hansestadt auszubauen. Ich meine aber, dass wir uns nicht zwingend im Wettbewerb mit anderen Städten sehen müssen. Vielmehr sollte man überlegen, wie möglichst viele Akteure an einen Tisch bringt und stärker zusammenarbeitet, denn der Wettbewerb findet inzwischen auf globaler Ebene statt, nicht unbedingt auf regionaler. Den Ausbau der Achse Berlin-Hamburg halte ich deshalb für besonders attraktiv – auch für die Ansiedlung internationaler Unternehmen. Schließlich ist die Distanz zwischen beiden Städten – knapp zwei Stunden mit dem ICE – zum Beispiel für die Mitarbeiter amerikanischer Startups aus dem Silicon Valley ein Witz. Was mir auch wichtig erscheint, ist die Stärkung Hamburgs als Aus- und Weiterbildungsstandort für digitale Medienberufe: Hier müssen Stadt und Medienunternehmen kontinuierlich investieren, damit Hamburg seine strategisch wichtige Vorreiterrolle weiterhin behaupten und Medienschaffenden eine moderne Aus- und Weiterbildung ermöglichen kann.

nextMedia.Hamburg: Von vielen Startups hören wir: Hamburg ist ein guter Gründungsstandort. Hier wird nachhaltig gewirtschaftet, der kreative und technische Nachwuchs ist vorhanden und die Stadt hat einen hohen Wohlfühlwert. Was glauben Sie, können sich große Medienhäuser von Startups abschauen?

Stephan Weichert: Vieles – aber vor allem: Agilität, Aufgeschlossenheit, Experimentierfreude, Gründergeist, aber auch Mut zum Scheitern. Etablierte Medienhäuser sind zu unbeweglichen Dickschiffen geworden, die sich selten auf Innovationen einlassen. Dabei sind gerade Redaktionen dazu verdammt, sich unter den Vorzeichen der Digitalisierung als lernende Organisationen zu begreifen, die sich dauerhaft und nachhaltig verändern müssen. Digitaler Journalismus duldet keinen Stillstand mehr. Er muss sich den Gezeiten flexibel und organisch anpassen.

nextMedia.Hamburg: VOCERs Innovation Medialab vergibt regelmäßig Stipendien für innovative Nachwuchsjournalisten. Welches journalistische Projekt hat sie aktuell am meisten beeindruckt - egal ob erfolgreich oder nicht.

Stephan Weichert: Krautreporter natürlich! Es ist beruhigend zu wissen, dass es da draußen so viele Menschen gibt, die bereit sind für digitalen Qualitätsjournalismus zu bezahlen und bei denen Journalisten offenbar kein so schlechtes Image haben wie immer behauptet wird. Auch die Rechercheredaktion „correct!v“ finde ich hochspannend, weil hier ein Stiftungsmodell ideenleitend war, das in Deutschland so noch nicht erprobt worden ist. Von unseren VOCER-Medialab-Projekten finde ich natürlich alle faszinierend, deshalb fördern wir sie. Besonders empfehlen möchte ich neben dem von Ihnen bereits erwähnten Crowdfunding-Projekt „Crowdspondent“ von Steffi Fetz und Lisa Altmeier auch „hostwriter“, ein weltweites Recherche- und Kontaktnetzwerk für Journalisten, gegründet von den drei großartigen Kolleginnen Tabea Grzeszyk, Tamara Antony und Sandra Zistl. There’s more to come…

Vielen Dank für Ihre Zeit, Herr Weichert. Vielleicht möchten Sie am Ende noch dem angehenden Nachwuchsjournalisten einen Rat mit auf den Weg geben?

„Stay innovative!“

 

Foto Credit: Jörg Müller


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