CROSSMEDIA
19
Janu.2015

"Private Daten schützen, öffentliche Daten nützen" - 5 Fragen an Marco Maas (OpenDataCity)

Datenhunger – er treibt nicht nur Google, Facebook und Amazon an, er ist auch der Antrieb von Marco Maas, der vor rund vier Jahren OpenDataCity, eine preisgekrönte Agentur für Datenjournalismus und Datenvisualisierungen mitgründete. Anders als die nimmersatten Big Player „ernährt“ sich der Hamburger Datenjournalist aber bewusst und will mit seiner Arbeit eine „neue Objektivität“ und im besten Fall eine „demokratischere Meinungsbildung“ in die Medienlandschaft tragen. Datenjournalismus ist eines der Felder, die aus der digitalen Transformation völlig neu wachsen und Chancen für ebenso neue Geschäftsmodelle eröffnen. Mit Marco Maas haben wir uns über dieses neue Geschäftsfeld für Journalisten unterhalten. Er ist Mitentwickler des Grimmepreis gekrönten ZDF-Parlameters und geschäftsführender Gesellschafter bei OpenDataCity. Das Team aus Journalisten, Entwicklern und Grafikern hat mit seinen interaktiven Grafiken und Visualisierungen unter anderem anschaulich gemacht, wie hoch das Nebeneinkommen von Bundestagsabgeordneten ist und wie viel geografischen Raum NSA-Files einnehmen würden.


Wie demokratisch ist Datenjournalismus?
Ich beantworte die Frage mal mit der datenjournalistischen Visualisierung: Wenn Journalisten es schaffen, abstrakte Probleme wie Lärmgutachten oder Bebauungspläne, oder allgemein abstrakte Entscheidungsgrundlagen durch gute Visualisierungen so aufzubereiten, dass ein uninformierter Bürger besser verstehen kann, was der Grundsatz eines Problems ist, kann die datenjournalistische Arbeit viel dazu beitragen, eine Gesellschaft demokratischer zu machen. Fast immer geht es in unserer Arbeit um das "Übersetzen" von komplexen Sachverhalten in einfache Bilder - und die können dann dazu beitragen, dass die demokratische Meinungsbildung weiter voranschreitet.

Wie lautet das Versprechen von Datenjournalismus a) für die Medien und b) für die Öffentlichkeit?
Medienhäuser erhoffen sich durch Datenjournalismus eine neue Objektivität, mit der sie Themen recherchieren können - und eventuell, auf der "Welle" mitzuschwimmen, gerade etwas zeitgemäßes zu machen. Tatsächlich ist die saubere datenjournalistische Arbeit vergleichbar mit der in investigativ arbeitenden Abteilungen - es ist zeitaufwändig und erfordert große Spezialkenntnisse. Datenjournalisten in klassischen Medienhäusern erwarten eine eierlegende Wollmilchsau, der Mensch soll Projektmanagement beherrschen, visualisieren und programmieren können, dazu noch eine schnelle und klare Schreibe haben - dass Datenjournalismus im Regelfall ein Teamwork aus Projektmanager, Grafiker, Programmierer und Journalist ist, müssen die Redaktionen gerade lernen. Für die Öffentlichkeit ist das Versprechen die vorgeblich höhere Objektivität - Zahlen belegen etwas und "stimmen", außerdem versprechen Visualisierungen ein klares Bild von der Wirklichkeit. Tatsächlich sind Zahlen aber ebenso leicht manipulierbar oder deutbar wie geschriebenes Wort. Einer guten Grafik glaubt man mehr als langatmigen Texten - deswegen ist es für uns in der Zukunft eine große Herausforderung auf tolle Daten-PR mit gutem Journalismus zu reagieren.

Wie sehr ist Datenjournalismus ein Spezialistenthema: Reicht es aus, neugieriger Journalist zu sein? Oder sollten doch besser Programmierer ran? Vielleicht sogar beide, am Ende noch zusammen?!?
Die Grundeigenschaften von guten Journalisten sind immer die gleichen: Spezialkenntnisse, Neugier und langer Atem, das ganze gepaart mit guten Storytelling-Fähigkeiten. Damit Datenjournalismus nicht nur mit vorgefertigten Tools erfolgt und die Breite der möglichen Geschichten stark einschränkt, ist meiner Meinung nach eine Kollaboration zwischen Journalist und Programmierer (und meist noch Grafiker) notwendig. Dann haben datenjournalistisch gut aufbereitete Geschichten die Möglichkeit, schlagkräftig Geschichten zu erzählen

Reichen öffentlich verfügbare Datenquellen aus? Anders gefragt: Was muss auf „Produzenten“seite getan werden, um besseren Datenjournalismus zu ermöglichen?
Speziell in Hamburg ist mit dem neuen Transparenzgesetz eine Weiche in die richtige Richtung gestellt worden, aber leider ist die Verfügbarkeit von Daten immer noch sehr eingeschränkt - der öffentliche Sektor wird langsam immer besser, aber für den privaten fehlt es noch völlig an Standards, nach denen veröffentlichungspflichtige Angaben nutzbar verbreitet werden.

Sind Sie neidisch darauf, über welche Daten Facebook oder Google verfügen? Das wäre doch bestimmt eine tolle Basis für noch tolleren Datenjournalismus! Oder nicht?
Ich halte es da nach einem alten Leitspruch des Chaos Computer Clubs: Private Daten schützen, öffentliche Daten nützen. Der Datenhunger der großen Player im Netz (amazon & Werbenetzwerke würden hier meiner Meinung nach auf jeden Fall noch fehlen) ist riesig, das Ziel der Konzerne ist, das Konsumverhalten von jedermann besser zu verstehen und in bestimmte Richtung beeinflussen zu können. Zweifelsohne sind das spannende Daten, als gesellschaftlich verantwortungsbewusster Journalist sehe ich die Chance und den Ansporn aber eher darin, die abstrakten Gefahren dieses Datenhungers zu begleiten, zu erklären und ggf. Regeln zu finden, nach denen Bürger bessere Möglichkeiten haben, sich im digitalen Umfeld besser zu schützen.

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