CROSSMEDIA
10
März2015

The Spectator - Homo granularis

„Denn Digitalisierung bedeutet vor allem: Wir selbst und unsere Gesellschaft werden auf neue Weise vermessen. Unsere Körper, unsere sozialen Beziehungen, die Natur, unsere Politik, unsere Wirtschaft – alles wird feinteiliger, höher auflösend, durchdringender erfasst, analysiert und bewertet denn je. Wir erleben: eine Neue Auflösung.“ Sagt Dr. Christoph Kucklick, Soziologe und Chefredakteur des Magazins GEO, in seinem Buch „Die granulare Gesellschaft – Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst“.

Im Gespräch mit dem Spectator erläutert Christoph Kucklick „die Umrisse der neuen Welt, die sich anhand dreier Revolutionen beschreiben lässt. Die erste ist die Differenz-Revolution, die zweite die Intelligenz-Revolution, die dritte die Kontroll-Revolution.“ Zur Differenz-Revolution sagt Christoph Kucklick: „Die neue Auflösung lässt bislang verborgene Unterschiede hervortreten, auch zwischen uns Menschen. Wir werden radikal vereinzelt, singularisiert – und diese Unterschiede werden wiederum sozial zugespitzt und verwertet.“ Konsequenz: wir erleben eine Krise der Gleichheit, die schon jetzt unsere Arbeitswelt und Demokratie verändert.

Nicht nur Menschen im Medien-Business bekommen in den vergangenen Jahren den digitalen Wandel hautnah zu spüren. Oft fühlen wir uns overnewsed, but underinformed. Will sagen: aus einer stetig wachsenden Zahl von Digital-Kanälen (besonders: Social Media) überfluten bislang nicht zu kontrollierende Ströme von Informationsfluten unser berufliches und privates Leben. Und wir stehen immer öfter unter dem Eindruck, nicht mehr hinterher zu kommen. All die rasanten Entwicklungen, all die sich überschlagenden Disruptionen, all die wahnsinnigen technischen Möglichkeiten, die unser Leben so was von gläsern machen, dass es uns Angst wird, kein eigenes mehr führen zu können, weil es schon längst auf britischen oder US-amerikanischen Schurken-Servern gespeichert ist.

Christoph Kucklick glaubt, die Intelligenz-Revolution führe „die massenhafte Ankunft intelligenter Maschinen zu einer Umverteilung von Wissen, Know-how und wirtschaftlichen Chancen – und zwar sowohl unter Menschen wie auch zwischen Mensch und Maschine. Davon profitieren vor allem jene, die es verstehen, mit intelligenten Maschinen umzugehen und zu kooperieren. Für die anderen geht es um berufliche und private Existenz, denn je intelligenter die Maschinen werden, desto größer wird auch die ökonomische Ungleichheit.“ In Deutschland spüren wir diesen Bruch in der Gesellschaft, der Paritätische Wohl-fahrtsverband sprach Anfang diesen Jahres davon, bei uns seien im Jahr 2013 rund 12,5 Millionen Menschen von ihr direkt betroffen.

Schließlich: die Kontroll-Revolution. „Die Granularisierung sorgt dafür“, so Christoph Kucklick, „dass wir sozial neu sortiert, bewertet, verglichen – und durchschaut werden. Denn im Vergleich zu den feinauflösenden Daten ist unser Leben ziemlich grobkörnig, was es erlaubt, präzise Vorhersagen über unser Verhalten zu treffen. Wir werden nicht mehr wie in der Moderne ausgebeutet, sondern ausgedeutet.“ Das werfe fundamentale Fragen nach der Gerechtigkeit auf und drohe, die Prinzipien unserer Demokratie zu beschädigen.

Er hält Staaten und Regierungen für deutlich größere Bedrohungen als etwas Facebook oder Google, denn Staaten zähmten ihre Geheimdienste nicht und nähmen sich selbst vom Datenschutz allzu oft aus. Dies ist sehr vornehm formuliert: während wir Bürger uns bisweilen immer überwachter fühlen, nehmen diverse sogenannte Geheimdienste für sich in Anspruch, Daten aus vorgeblichen Gründen der Staatsräson zurückhalten zu dürfen (siehe etwa: NSU-Untersuchungsausschüsse).

Ein neues Menschenbild werde benötigt, proklamiert Christoph Kucklick – „wir wandeln uns vom Homo rationalis zum Homo granularis. Das ist eine entscheidende Veränderung, mit der wir in einer Welt der Zahlen und Algorithmen eine neue Form der Menschlichkeit entwickeln“, meint der Soziologe. Einige Jahrhunderte zuvor hat der Buchdruck „das Spektrum der unterschiedlichen Meinungen und Weltanschauungen dramatisch viel feiner und gegensätzlicher aufgelöst, als es zuvor möglich war – und hat so das mittelalterliche, hierarchische Gott-zentrierte Weltbild zerstückelt und aus den Menschen die modernen, selbst-bezüglichen und unruhigen Subjekte gemacht, die wir heute noch sind.“

Und die schöne, neue, digitale Welt? „Ist, wie wir noch sehen werden, eine „Welt der Extreme“. Und auch wir Menschen“, meint Christoph Kucklick, „werden uns eine „extremeres“ Selbstverständnis zulegen: eines, in dem wir fragiler, zerbrechlicher und gerade deswegen menschlicher sind ...Wir sind die Wesen, die sich neu erfinden können.“ Das Buch von Christoph Kucklick kann uns auf unserem Weg der Neu-Erfindung Orientierung geben. Avanti! Dann tauchen wir mal die granulare Gesellschaft ein, am besten mit einem furchtlosen Köpfer und smarten Sinnes.

Christoph Kucklick, „Die granulare Gesellschaft – Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst“, Ullstein.

 

von Andreas Wrede, Editor-in-Chief  InnoLab/Medienmanagement, Hamburg Media School 

Neuen Kommentar schreiben