CROSSMEDIA
07
Mai2015

Wie wäre es mit Crisis Text Line in Deutschland?

Crisis Text Line ist eine in den USA außerordentlich erfolgreiche Krisen-Interventions-Hilfe, die aus-schließlich per SMS arbeitet. Sie richtet sich vornehmlich an Jugendliche. Mittlerweile erreichen rund 15.000 Textnachrichten täglich die Mitarbeiter von Crisis Text Line.

Wenn die Nachrichten eingehen, werden bestimmte Worte, die eine unmittelbare Gefahr signalisieren (wie etwa: Suizid, hoffnungslos, Gewalt, Drogenmissbrauch) besonders hervorgehoben auf dem Bildschirm der CTL-Mitarbeiter.

Innerhalb von spätestens fünf Minuten wird auf jede individuelle Nachricht reagiert, die 50 CTL’ler stehen sieben Tage die Woche, vierundzwanzig Stunden lang den meist jungen oder sehr jungen Hilfesuchenden zur Verfügung. Oft geht es um Themen wie Mobbing, häusliche Gewalt, Depressionen oder sexuelle Orientierung.

Stets ist die oberste Priorität dabei: Die jungen Menschen aus ihrem Krisen-Moment heraus zu losten in einen Zustand kühleren, klareren Kopfes und in einen Dialog mit ihnen zu kommen. Die bei Crisis Text Line arbeitenden Volunteers  werden in einem 34-stündigen Trainingsprogramm geschult. Und selbstverständlich obliegen die Volunteers der permanenten Supervision von hauptamtlichen Crisis Counselors.

Hervorgegangen ist Crisis Text Line aus der gemein-nützigen Organisation DoSomething.org, die junge Menschen zu aktivem humanen und sozialen Handeln bewegen möchte. U. a. wird in nationalen Kampagnen über Obdachlosigkeit informiert, gegen das SMSen während des Autofahrens gearbeitet oder Müllbeseitigung in der unmittelbaren Nachbarschaft organisiert.

Inzwischen unterstützen Unternehmen wie Google, H&M, Toyota oder jetBlue mit Corporate Sponsor-ships Dosomething.org, das weit über 3,7 Millionen Mitglieder hat, Tendenz: weiter steigend. Auf Benfitz-Veranstaltungen werden bis zu einer Million Dollar an Spendengeldern gesammelt. Für Crisis Text Line – das seinen Sitz ebenso wie Dosomething.org am Union Square in New York City hat – sind unter Ägide von Nancy Lublin, C.E.O. von beiden Organisationen, seit 2011 schon über fünf Millionen Dollar an CTL-Spendengeldern zusammen gekommen.

Im August ging Crisis Text Line online, seither wurden über 6,2 Millionen Textnachrichten ausgetauscht. Dabei sind zwei Sachen glasklar: Die Identität des textenden Jugendlichen bleibt anonym (soweit sie dies wünschen) und die CTL-Mitarbeiter sind zu strenger Vertraulichkeit gehalten.

Crisis Text Line hat eine enorme Menge an Informations-Daten vertraulich angehäuft (etwa: Arkansas steht ganz oben, wenn es um Essstörungen geht, Vermont bei Depressionen, Selbstmord-Gedanken werden am wenigsten in New Hampshire gehegt). Die gemeinnützige Organisation hat einen Weg gefunden wie sie nun etwa medizinischen Forschungseinrichtungen oder Schulbezirken anonymisierte Zip codes zur Verfügung stellt.

Verkauft werden diese Daten jedoch auf keinen Fall.
Als ein Hedge Fund-Manager anfragte – so berichtet der New Yorker - ob er ein Daten-Abo abschließen könne, um Krisen-Trends ablesen zu können, wurde ihm beschieden: „Sie sind ein Knilch.“ So wird also eben doch nicht jeder Algorithmus auf bare Münze reduziert. Wer übrigens Crisis Text Line in Deutschland etablieren möchte: Jen@crisistextline.org kontaktieren.

 

von Andreas Wrede, Editor-in-Chief InnoLab/Medienmanagement, Hamburg Media School

 

Bild: Screenshot der Webseite www.crisistextline.org

 

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