REISEREPORT
01
Janu.1970

Fazit einer Weltreise

Guter Journalismus überlebt, wenn die guten Journalisten erfinderisch werden.


Als wir in Hamburg ins Flugzeug stiegen, um nach der Zukunft des Journalismus zu suchen, starb in Deutschland eine Zeitung. Die Financial Times Deutschland (FTD) ging pleite und verschwand vom Markt. Fünf Wochen später halten wir am Flughafen London-Heathrow das Mutterblatt der FTD in der Hand: die britische Financial Times , gegründet in London, erstmals erschienen im Jahr 1888. Die deutsche Ausgabe hat gerade mal zwölf Jahre überlebt, die englische gibt es immer noch zu kaufen. Am Kiosk – und im Internet.

2012 gelang der Financial Times etwas, was bis dahin keine Zeitung geschafft hatte: Sie verkaufte zum ersten Mal mehr digitale als gedruckte Ausgaben. Rund 300.000 ihrer Leser griffen zur gedruckten Zeitung, 312.000 lasen die Financial Times lieber auf ihrem Smartphone, auf dem iPad oder einem ähnlichen Computer. Es scheint, als habe die britische Zeitung den Sprung in die digitale Welt geschafft. Weil sie kluge, auf die Leser zugeschnittene Anzeigen schaltet und deshalb viele Werbekunden hat. Und weil sie früher als die meisten anderen Zeitungen Journalisten angestellt hat, die wissen, wie man Leser gewinnt, die lieber digital lesen als auf Papier. Journalisten, die mit Computern aufgewachsen und im Internet zu Hause sind.

In Deutschland gibt es vergleichsweise wenige solcher Journalisten. Einer von ihnen ist Bernhard Riedmann. Er sitzt in seinem Büro im Hamburger Spiegel-Gebäude, achter Stock, Glasfront, Blick auf die Deichtorhallen, und sagt: »Vielleicht ist es mit dem Journalismus wie ganz früher mit dem Kinofilm: Er muss laufen lernen.«

Riedmann ist Multimedia-Redakteur beim Spiegel. Der Spiegel ist das größte Nachrichtenmagazin Deutschlands, doch auch die größte Auflage sinkt, mal schnell, mal langsam, aber unaufhaltsam. Riedmann ist einer von denen, die dafür sorgen sollen, dass der Spiegel auch dann noch weiterlebt, wenn die Druckmaschinen eines Tages abgeschaltet würden. Seine Aufgabe ist es, ein digitales Magazin zu machen. Wenn man so will, ist Riedmann Experte für zukunftstauglichen Qualitätsjournalismus.

Er ist 29 Jahre alt, ein Mann mit Sechstagebart, österreichischem Singsang und nettem Lächeln. Er hat Schlagzeug studiert und als Fotoreporter in Wien gearbeitet. Er filmt, fotografiert, schreibt. Vor zwei Jahren holte ihn der Spiegel nach Hamburg. Riedmann kam in die neu gegründete Multimedia-Redaktion, ein Team aus Schreibern, Fotografen, Filmemachern und Grafikern – vereint, um ein neues Medium zu bespielen: das iPad und andere Tablets. Viele Magazine und Zeitungen haben mittlerweile Tablet-Ausgaben, aber die meisten sind nur ein Abklatsch der Printversion, ein statisches Nebeneinander von Text und Bild. Riedmann will mehr. »Einfach nur ein Filmchen abzuspielen reicht nicht«, sagt er. Bilder und Filme dürften kein Beiwerk sein, das man dem Text anheftet. Man müsse das neue Medium ernst nehmen – und ausschöpfen.

Also füllen er und seine Kollegen das digitale Heft mit Inhalten, die ein gedrucktes Magazin nie transportieren könnte: mit animierten Grafiken über die Finanzkrise, mit Multimedia-Reportagen zu den US-Wahlen, mit Originaltönen und Geräuschen, mit Fotos und Filmen.

Riedmann nennt seine Arbeit »Forschen«, die Geschichten »Experimente«. Mit dem Zeigefinger wischt er über das iPad, das vor ihm auf dem Schreibtisch liegt. Er öffnet eine Multimedia-Reportage, die er in Peking recherchiert hat. Kreativer, als der Staat erlaubt heißt sie und handelt von Chinesen, die der Internetzensur trotzen und mitten in Peking ein chinesisches Silicon Valley gründeten. Schauplatz ist ein Internetcafé. Von hier aus bewegt sich der Leser durch die Geschichte. Mit ein paar Fingerbewegungen kann er sich im Café umgucken, die Gäste an den Tischen antippen und ihnen Fragen stellen – und zwar die Fragen, die ihn am meisten interessieren. Riedmanns Reportage erinnert an ein Computerspiel. »Ich will den Leser ins Geschehen schmeißen. Er soll entscheiden können, wie er die Geschichte erzählt bekommt.«

Riedmanns Erzählansatz wird auch »nonlineares Storytelling« genannt. Der Leser bestimmt das Erzähltempo selbst. Anders als bei einem Fernsehbeitrag oder einer gedruckten Reportage, bei denen er einem fest vorgegebenen Erzählstrang folgen muss. Riedmann hat wenige Vorbilder in seiner Branche, er lässt sich inspirieren von Musikvideos, Dokumentarfilmen und Computerspielen. Er klickt sich durch Berge animierter Daten, wühlt sich durchs Netz, sucht nach digitalen Schnipseln, die ihn auf neue Ideen bringen. »Und bei der Suche frage ich mich immer: Wie könnte das meiner journalistischen Arbeit dienen?«

Wenn er über die Zukunft des Journalismus redet, vergleicht er das mit der Geschichte des Films. »Im 19. Jahrhundert gab es keine Kinos. Da wurden Filme noch auf Jahrmärkten gezeigt«, sagt er. »Irgendwann kam einer auf die Idee, die Leute in einen dunklen Raum zu sperren und vor eine Leinwand zu setzen.« Es war die Zeit, in der aus Stummfilmfetzen die ersten Spielfilme entstanden. Lose Handlungsstränge verwoben sich zu einer dichten Dramaturgie.

In den Schaubuden der Jahrmärkte wurde es für diese Filme zu eng. Die neue Form brauchte eine neue Bühne – das Kino war geboren. »Vielleicht stehen wir Journalisten an einem ähnlichen Punkt. Vielleicht müssen auch wir so einen dunklen Raum erfinden, in den wir unsere Leser setzen«, sagt Riedmann. Was könnte dieser dunkle Raum sein? Was sind die Innovationen, die den Journalismus in neue Zeiten tragen, so wie damals das Kino den Film? Wie werden die neuen Plattformen aussehen, von denen Riedmann spricht?

Das haben wir in den vergangenen Wochen knapp 20 Medienmacher gefragt. Kollegen wie Riedmann, die sich mit der digitalen Zukunft des Journalismus beschäftigen. In São Paulo und New York, Tokio und Mumbai, Kairo, London und Hamburg. Jeder hatte eine andere Antwort.

Die Zeitung der Zukunft könnte funktionieren wie eine Facebook-Seite, sagte uns ein Blogger aus Tokio. Journalisten hätten dann die Aufgabe, das Netz nach Texten, Bildern und Videos zu durchsuchen und die besten herauszufiltern und weiterzuverbreiten. So wie ein Kurator, der nicht selbst Gemälde malt, sondern Gemälde auswählt und aufhängen lässt. »Facebook ist die neue Titelseite«, sagte auch ein Multimedia-Journalist, den wir in New York besucht haben. »Die Zukunft des Journalismus ist hyperlokal« – davon ist ein junger Reporter aus São Paulo überzeugt, der seine Karriere als Bürgerjournalist begann. Als Laie berichtete er aus dem Vorort, in dem er lebt, und veröffentlichte seine Geschichten in einem Blog. Heute arbeitet er bei der größten Zeitung São Paulos. Viele Kollegen glauben an den Lokaljournalismus: Schreibe für die Leser auf, was vor ihrer Haustür passiert, und sie werden dir treu bleiben. Besser noch: Lass die Leser mitmachen, starte einen Dialog.

Vom Leser lernen – das hat uns auch ein renommierter Datenjournalist vom Londoner Guardian geraten. Er ist dafür zuständig, in Datenbergen Nachrichten zu finden. Bei der Analyse lässt er sich von den Lesern helfen, weil die oft »viel mehr Ahnung« hätten als er selbst: »Leser können hervorragende Rechercheure sein.«

Manche Journalisten, die wir getroffen haben, glauben zwar an die Zukunft des Qualitätsjournalismus, aber nicht unbedingt an die Zukunft der Verlage. Jahrelang hatten Medienhäuser mit Werbeanzeigen viel Geld verdient. So viel, dass auch teure Recherchen bezahlt werden konnten. Seit die Werbung ins Internet wandert, sinken die Anzeigenerlöse dramatisch. Die Verlage sparen – und darunter leiden vor allem Enthüllungsjournalisten, die lange recherchieren und relativ wenig veröffentlichen.

In New York haben wir das vielfach ausgezeichnete Recherchebüro ProPublica besucht. Die Journalisten dort wollen die investigative Recherche retten, unabhängig von Verlagen. Sie finanzieren sich ausschließlich durch Spenden. »Journalismus ist ein öffentliches Gut«, sagen sie. In Kairo haben wir Blogger und YouTube-Aktivisten kennengelernt, die sich zu Kollektiven zusammengeschlossen haben. Sie arbeiten wie eine echte Redaktion und machen den traditionellen Verlagen Konkurrenz.

Dass wir uns schneller vom gedruckten Papier lösen könnten, als wir bislang geglaubt hatten, haben wir in Indien gespürt. Tablets könnten schon in wenigen Jahren die gedruckten Zeitungen verdrängen und den Journalismus revolutionieren. Ein Informatikprofessor, den wir in Mumbai interviewt haben, ist davon überzeugt. Und in Hamburg hat uns Bernhard Riedmann gezeigt, wie man Tablets so mit Inhalt füllt, dass viele beim Lesen die Zeitung gar nicht mehr vermissen. Wenn man ihn trifft, bekommt man das Gefühl, der Journalismus stehe nicht vor seinem Ende, sondern noch ganz am Anfang seiner Möglichkeiten.

Einen Gedanken haben wir von allen Kollegen gehört, die wir trafen, auch von Riedmann: Journalisten werden zwar viel lernen müssen – wie man in der digitalen Welt schreibt und recherchiert, wie man ohne Verlage Geld verdient, vielleicht auch, wie man programmiert. Aber das grundlegende Handwerkszeug, das, was man braucht, um ein guter Journalist zu sein, ändert sich nicht: sauber recherchieren, fair sein, wissen, wie man eine Geschichte erzählt. »Gründliche Recherche und gutes Erzählen werden immer Kern des Journalismus bleiben«, sagt Riedmann. »Nur die Plattform wird eine andere sein.«

Geblieben ist uns nach fünf Wochen Reisen und vielen Interviews ein diffuses Gefühl der Zuversicht. Dieselbe Zuversicht, von der Bernhard Riedmann spricht, wenn er den Journalismus mit dem Film vergleicht. Die Schaubuden auf dem Jahrmarkt mussten dem moderneren Kino weichen. Der Film selbst aber hat den Jahrmarkt überlebt.

 

Dieser Artikel erschien als Abschluss unserer wöchentlichen Printkolumne in der ZEIT

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