REISEREPORT
01
Janu.1970

„Jetzt ist die beste Zeit, um Journalist zu sein“

Der Hamburger Fotoreporter und Multimedia-Produzent Uwe H. Martin glaubt, dass es guten Journalismus auch in Zukunft geben wird – womöglich ohne die Verlage. Ein Interview.


Wenn in Deutschland Preise für Multimediageschichten verliehen werden, gehen sie fast nie an große Verlage, sondern an freie Fotoreporter. Woran liegt das? Dafür gibt es mehrere Gründe. Viele Fotografen haben Lust am Erzählen von Geschichten und sehen sich als eigenständige Journalisten. Im Alltag der meisten Magazine wird uns aber die Rolle eines Bildbeschaffers zugewiesen. Da bleibt kaum Zeit, sich mit einem Thema gründlich auseinanderzusetzen. Also suchen wir uns andere Kanäle: Bücher, Ausstellungen oder eben Webreportagen. Ein anderer Grund ist, dass in vielen Verlagen Angst herrscht, in diese Formate zu investieren. Multimediageschichten sind aufwändig. Also auch teuer.

Wie teuer? Für eine Geschichte wie Texas Blues, für die ich im letzten Jahr den Reporterpreis bekommen habe, braucht man allein zum Schneiden zwei bis drei Wochen. Wenn man von den üblichen Magazintagessätzen ausgeht, dann müsste man dafür gut 5000 Euro bekommen – eigentlich. Da sind dann aber noch nicht die Kosten für Recherche, Reise, Übersetzung und mein Fotohonorar eingerechnet.

Wie viel bekommt man denn tatsächlich? 300, 400, vielleicht mal 800 Euro. Ich selbst habe noch nie eine meiner eigenen Multimediageschichten an einen Verlag verkauft. Die Honorare sind ein Witz. Ich stelle die Geschichten lieber auf meine Homepage oder die vom Bombay Flying Club. Da habe ich Kontrolle darüber, wie und in welchem Zusammenhang meine Geschichte erscheint.

Sind Journalisten nicht auf die Verlage angewiesen? Teilweise natürlich schon, aber das beginnt zu bröckeln. Vor kurzem war ich auf einer Konferenz von World Press Photo in Amsterdam, wo sich Multimedia-Produzenten, Journalisten und Fotografen aus ganz Europa getroffen haben. Das Interessante war: Keiner dieser Leute hatte auch nur im Entferntesten einen Verlag als Kunden auf dem Schirm. Die wissen, dass man von deren Honoraren nicht leben kann. Und bewerben sich lieber bei der Filmförderung, bei Stiftungen oder arbeiten direkt mit Sponsoren zusammen, um ihre eigenen Projekte zu finanzieren.

Brauchst du die Verlage noch? Nur noch indirekt. Wenn ich große Multimediageschichten recherchiere, bringe ich meist auch ein paar kleine Magazingeschichten mit, die ich mit überschaubarem Aufwand umsetzen kann. Die finanzieren dann den größten Teil der Reisekosten. So kann ich die Stipendiengelder strecken und lange vor Ort bleiben, um die Qualität zu erreichen, die ich will. Aber für das eigentliche Produkt, für die Multimediageschichte, sind die Verlage nicht interessant. Mal sehen, ob sich das durch das iPad ändert. Gerade gibt es da einige positive Signale.

"Ich will Geschichten jenseits der These erzählen"

Wie verdienst du dein Geld? Mit einer Mischung aus Unterricht, freien Geschichten, gelegentlichen Aufträgen, Preisgeldern und Stipendien. Das Tolle an Multimedia ist, dass plötzlich Töpfe offen stehen, an die ich vorher als reiner Fotoreporter nicht rangekommen bin. Für unser neues Projekt, bei dem es um Landraub geht, haben wir allein von verschiedenen Filmförderungen 10.000 Euro Recherchehilfe bekommen. Momentan kann ich davon leben. Halbwegs zumindest. Ob das dauerhaft klappt, weiß ich noch nicht, das muss ich ausprobieren.

Welche Themen bearbeitest du? Fast nur solche, die mich wirklich interessieren. In den letzten Jahren habe ich mich vor allem mit den sozialen und ökologischen Folgen der weltweiten Baumwollproduktion beschäftigt. Je länger ich an diesem Thema arbeite, desto öfter komme ich mit Leuten aus anderen Bereichen zusammen.

Was sind das für Leute? Künstler zum Beispiel. Während der Baumwollrecherche in Mali habe ich eine Medienkünstlerin aus der Schweiz kennengelernt. Wir machen fast dieselbe Arbeit: Wir interessieren uns für die Auswirkungen von Ressourcen auf die Gesellschaft und recherchieren seit Jahren dazu. Nur dass die Kanäle, die wir bespielen, andere sind. 2010 haben wir ein gemeinsames Projekt gestartet, es heißt Supply Lines. Grob gesagt geht es um die Nutzung von Ressourcen, zum Beispiel von Land, Öl, Wasser, Baumwolle. Insgesamt sind mehr als ein Dutzend Leute daran beteiligt, Künstler, Wissenschaftler, Journalisten.

Was kommt am Ende dabei raus? Es wird ab 2014 Ausstellungen in mehreren Ländern geben, Workshops an Unis, Konferenzen – und auch eine interaktive Webseite, auf der wir all das bündeln und zusammenführen.

Hat das noch was mit Journalismus zu tun? Ich würde sagen, es geht darüber hinaus. Wenn ich mit Künstlern und Wissenschaftlern zusammenarbeite, lässt mir das viel mehr Raum für Komplexität als die streng journalistische Form. Da geht es ja vor allem darum, komplizierte Dinge zu vereinfachen und Thesen zu formulieren. Das ist eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, die ich gern mache. Aber in einer Welt, die immer komplexer wird, reicht mir das allein auf Dauer nicht aus. Ich will den kleinen Geschichten, die ich jenseits der These entdecke, Raum geben erzählt und gehört zu werden. Ich will nicht nur den Leser informieren, sondern auch meine eigene These hinterfragen, Kontext geben und neue Fragen aufwerfen.

Hast du überhaupt noch Lust auf das klassische Journalistengeschäft? Und wie! Wie geil wäre es zum Beispiel, wenn sich ein paar gute Schreiber, Radiomacher, Infografiker und Fotografen zusammentun und einen journalistischen Blog samt iPad-Magazin aufziehen würden.

"Was fehlt, ist eine deutsche Arianna Huffington"

Es gibt doch schon Hunderte Blogs in Deutschland! Aber die bedienen fast immer nur Nischen. Ich habe neulich auf einer Konferenz was sehr Interessantes gehört: Jemand hat sich die erfolgreichsten Blogs aus Deutschland und den USA angeschaut und verglichen. In den USA geht es vor allem um General-Interest-Themen, um Wirtschaft,  Politik, Unterhaltung. Die Huffington Post ist ein gutes Beispiel, die hat ja mittlerweile mehr Leser als die New York Times. Die deutsche Bloggerszene dreht sich dagegen meist um sich selbst, um Netz- und Medienpolitik, also um Nischenthemen. Deshalb ist sie auch keine echte Konkurrenz zu den Verlagen.

Könnte sich das ändern? Ja, man muss sich nur anschauen, wie viele feste Mitarbeiter diese Blogs haben. In den USA sind es durchschnittlich knapp 40. In Deutschland gerade mal zwei. Was für ein Potential wir da verschenken! Es gibt so viele gute Journalisten, Fotografen und Grafiker in Deutschland, die frei arbeiten und nicht wirklich gut klarkommen. Wenn sich 40 bis 50 von denen zusammentun und einen guten Blog aufziehen würden, mit breit angelegten journalistischen Themen – das wäre eine echte Konkurrenz! Das ist auch den Verlagsmanagern klar, die mit ihren Buyout-Verträgen und Leistungsschutzrechten versuchen eine Mauer gegen ihre Urheber hochzuziehen, damit die nicht plötzlich Konkurrenten werden.
Was fehlt, ist eine Arianna Huffington in Deutschland. Ein Stifter, der für einige Jahre diesen freien Journalisten ein Grundgehalt bezahlt und sie ansonsten machen lässt.

Was stört dich denn an den Internetseiten der Verlage? Dass sie visuell uninspiriert sind und oft nicht mehr als eine pdf-Version der gedruckten Zeitung. Stern, Geo, Zeit und Süddeutsche haben im Print den Anspruch Qualitätsmedien zu sein. Wenn ich als Leser dann online reinschaue und schlecht erzählte Wackelvideos, tonschwache Audioslideshows oder Pseudo-Fernsehen geboten bekomme, fühle ich mich verarscht. Das ist so wie einen Porsche kaufen und dann bei 250 Sachen feststellen, das die Bremsen leider vom Trabbi sind.

Warum ist das so? Das Problem liegt meiner Meinung nach darin, dass nicht die Gesamtmarke gesehen wird, sondern alle Teilbereiche eigenständige Profitcenter sind. Dadurch ist die Erwartung da, mit Internetseite und iPad sofort Geld zu verdienen. Teilweise muss ich als Auftragnehmer mehrere Rechnungen für ein und dieselbe Reportage schreiben, für das Heft, für die App. Der Kontrollwahn des Managements kostet wahnsinnig viel Zeit. Zeit, die fehlt, um herausragenden Journalismus zu machen. Deshalb wird online und auf dem iPad kaum in Inhalte investiert, sondern höchstens mal in einen witzigen Gimmick auf dem Cover. Kaufe ich dafür so ein Medium?

"Von schlechten Websites fühle ich mich verarscht"

Wird in Zukunft weniger gelesen und mehr geguckt? Ich glaube, dass wir uns wegbewegen vom textzentrierten Journalismus, der zur Zeit die Magazine und Zeitungen bestimmt – und auch das Fernsehen, denn da werden Bilder ja oft nur benutzt, um den Text zu illustrieren. Tablet-PCs und Internet werden weiter dazu führen, dass wir visueller denken und anspruchsvoller werden. Sowohl was den Inhalt betrifft, als auch die optische und erzählerische Qualität.

Brauchen wir dann überhaupt noch Schreiber? Unbedingt! Es gibt ja Themen, die visuell überhaupt nicht funktionieren. Multimediageschichten wie ich sie mache, eignen sich, um einen Teilaspekt eines Themas sehr emotional zu veranschaulichen. Sie erzählen nicht nur eine gute Geschichte, sondern wirken im besten Fall wie ein Trailer, der beim Leser Lust weckt, mehr zu erfahren. Vielleicht eine Grafik anzuschauen, eine Studie zu lesen oder eine Reportage. Nur muss der Autor diese Reportage noch besser schreiben als für ein Magazin, weil man im Netz und auf dem iPad viel schneller weg klickt und nur Herausragendes weiterverbreitet wird.

Ist das digitale Zeitalter eine schlechte Zeit, um Journalist zu sein? Nein, es ist die beste Zeit überhaupt! Ein bisschen wie um 1920, als überhaupt nicht klar war, wo es mal hingehen wird, als alles möglich schien. Erst recht für die Jungen unter uns ist das fantastisch. Für die, die nicht wissen, wie es ist, zwanzig Jahre mit einer Festanstellung im Verlag zu sitzen. Die werden ihren eigenen Weg suchen. Wer die alten Zeiten nicht kennt, der trauert ihnen auch nicht hinterher.


Uwes Arbeit kann man sich hier angucken: Uwe H. Martin Bombay Flying Club White Gold
Hier kann man mehr über seine Workshops erfahren: Workshops

Und diese Geschichten empfiehlt Uwe:
Alma - ein Kind der Gewalt ist eine traurige, packende Webdoku, die jeder sehen sollte, der sich für das Erzählen von Geschichten interessiert und die verwobenen Wege des Lebens. Hart, herzzerreißend und betäubend - einfach großartig.
California Is A Place erzählt in wundervollen Bildern teils obskure Geschichten und entblättert wie in „Aquadettes“ Schicht um Schicht einer berührenden, dabei aber auch lustigen Geschichte.
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Trapped erzählt davon, wie geistig behinderte Menschen in den USA in Gefängnissen gehalten werden, weil das Gesundheitssystem sie nicht auffangen kann.
Roadworks ist zwar kein klassischer Journalismus, aber ein journalistisches Thema brillant umgesetzt.
A Life Alone ist die Geschichte eines alten Mannes, der seine Frau verloren hat. Maisie Crow ist eine Meisterin im Erzählen kleiner Alltagsgeschichten.

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