5 Fragen für 2015: Svenja Hofert (Karriere und Entwicklung)

nextMedia.Hamburg: Die Digitalisierung verändert das Wirtschaften. Wie müssen sich Absolventen, Angestellte, Freelancer und Bewerber aufstellen, um nicht abgehängt zu werden?

Svenja Hofert: Wir kommen am selbstgesteuerten Lernen nicht vorbei. Digitales Knowhow wird selbstverständlich wie Englisch und ist auch nichts Besonderes mehr. Damit einher geht allerdings eine Kompetenz, die immer noch nicht jeder erworben hat: Selbst zu lernen und Wissen aufzufrischen, auch ohne Anleitung. Das fordert Entdeckerbereitschaft und Lust am Ausprobieren. Das fördert metakognitive Prozesse, man muss es auch mal aushalten können daneben zu klicken... Viele, auch junge Leute, wollen immer noch alles beigebracht bekommen, aber das geht kaum noch, weil sich alles so schnell ändert. Wir müssen weiterhin umdenken und unsere Produktbezogenheit aufgeben. Als Industrieland wollen wir immer alles schön sichtbar haben. Software wird als kaum gleichwertig zu einem Auto angesehen, wenn es um Berufswahl geht. Gut, Google dominiert die Liste der beliebtesten Arbeitgeber, aber danach kommen fast ausschließlich produzierende Unternehmen. Eine Ablehnung des Digitalen - ergo zunächst nicht greifbarem -, stelle ich vor allem bei Frauen fest. Gerade junge und bereits digitalisierte Frauen streben nach wie vor in "schöne" Branchen mit anfassbaren Inhalten wie Mode und Berufe, die ein "Image" haben - und wollen nicht so gern in die Tiefen der IT tauchen. Da ändern auch die Boys Days rein gar nichts. Hier ist auch die junge Frauengeneration auf dem besten Weg sich abhängen zu lassen. Junge Männer verlassen sich zu sehr auf die Nachrichten, die ihnen vorgaukeln, Ingenieur sei ein bombensicherer Beruf aufgrund des innovativen deutschen Mittelstands. Das glaube ich nicht, andere Länder holen uns gerade ein.  Überhaupt ist es ein Fehler auf Sicherheit zu setzen, denn die Planbarkeit der Karriere ist lange weg. Das Berufsleben ist ein Mosaik, digitale Kenntnisse sind ein Baustein für jeden. 
 

nextMedia.Hamburg: Muss man für das Gründen ein bestimmter Typ sein?

Svenja Hofert: Gründer der Zukunft sollten sicher sehr viel offener sein und ein bisschen risikofreudiger - auch als die Generation vor Ihnen. Auch hier werden digitale Geschäftsmodelle dominieren. Deshalb ist eine sehr große geistige Flexibilität und die Bereitschaft neue Themen auf- und zu verarbeiten sicher wichtig. Wobei es zu jedem Trend auch einen Gegentrend gibt. No-digital-Gründungen sind auch ein Weg - fordern aber nicht minder Offenheit für Neues.


nextMedia.Hamburg: Wie kann es gelingen, dass beispielsweise mehr Frauen und Festangestellte den Sprung in die (Teil-) Selbständigkeit wagen?

Svenja Hofert: Zum Beispiel durch digitale Geschäftsmodelle, bei denen es vor allem um eine Idee geht, die andere nicht hatten. Man kann mit Handel, also E-Commerce, nichts mehr reißen (außer mit wahnsinnig viel Invest), die Märkte sind verteilt. Aber z.B. mit digitalen Dienstleistungen oder Apps und auch Content. Oder auch mit sehr uniquen Produkten aus eigener Herstellung, siehe das "Internet der Dinge" als nächsten Trend. Das werden die Gründungen der Zukunft sein. Viele setzen aber auf Pferde, die schon längst tot sind, wollen zum Beispiel Business Coach werden, obwohl der Markt zu ist. Man braucht weit mehr als vor 10 Jahren eine gute Idee und in klassischen Dienstleistungen einen stärkere Spezialisierung. Wichtig ist, in einem Segment zu gründen, dass zu der aktuellen Zeit passt. Dann ist es auch keine Frage der Zeit, man kann sie sich selbst einteilen - und nebenberuflich anschieben, etwa bei einer 4-Tage-Woche.


nextMedia.Hamburg:
Brauchen Menschen heute einfach andere Unternehmen?

Svenja Hofert: Ja, wir sind in Deutschland extrem konservativ geprägt durch industrielle Strukturen. Der autoritäre Führungsstil ist nach wie vor verbreitet, in Hamburg sieht man ihn noch häufiger als beispielsweise in Karlsruhe. Menschen hören ständig, sie sollen sich weiterbilden - und dann gibt es immer noch Firmen, die das überhaupt nicht fördern, sondern sogar blockieren. Andrerseits sehe ich das der Wunsch nach Sicherheit nach wie vor ausgeprägt ist, gleichzeitig wünscht man sich Flexibilität und Work-Life-Balance. Am liebsten alles. Schaut man aber hinter die Kulissen der artikulierten Bedürfnisse in das Wertesystem, gibt es doch ähnliche Präferenzen wie früher - etwa denn nach Verlässlichkeit und stabilen Arbeitsverhältnissen. Allerdings sinkt die Kompromissbereitschaft, man arrangiert sich nicht mehr um jeden Preis. Früher stand die Existenzsicherung ganz weit oben, nun ist diese da und da bricht der Wunsch nach individueller Selbstverwirklichung hervor. Wie sich dieser äußert, ist sehr verschieden. Bei vielen aber im Wunsch nach Freizeit und Selbstbestimmung. 


nextMedia.Hamburg: Wenn alle mobil arbeiten und ständig erreichbar sind - ist die
Worklife-Balance dann überhaupt noch aufrechtzuerhalten?

Svenja Hofert: Nein, das ist ein Problem. Wir sind nicht multitaskingfähig. Die Aufmerksamkeit sinkt, wenn ständig Nachrichten reinploppen. Einige behaupten, sie könnten das, aber es wird etwas mit ihnen machen, was sich erst in einem späteren Alter auswirkt. Deshalb muss man die Leute zu einem gewissen Grad vor sich selbst schützen und als Chef z.B. den Stecker ziehen.

 

nextMedia.Hamburg: Vielen Dank für das Gespräch!


Foto: Copyright: Simone Scardovelli

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