Als ich nach Hamburg kam

Als ich nach Hamburg kam, das war Anfang 2006. Ich hatte mich echt tierisch bemüht, vorher noch mein Abschlusszeugnis als IHK geprüfter Medienverunstalter in der Tasche zu haben. Und ich hatte kein Bock den Rest meines Lebens Webseiten für Fliesenleger zu gestalten. Auf nach Hamburg. In die Medienstadt. Hurra, geht los!

Zuerst schnupperte ich in die Onlinemarketingabteilung von blau.de, danach wurde ich von der Autoteileplattform motoso.de angeheuert, um mich um das Thema Communitybuilding zu kümmern. Was mich ehrlich gesagt schockierte. Denn niemand wollte auch nur ein mal mein Zeugnis sehen. Für das hatte ich zuvor 1,5 Jahre investiert. Alle Jobs sind mir per Empfehlung über die Plattform Xing zugeflattert, das damals noch openBC hieß.

Zur gleichen Zeit nahm ich in Hamburg die wahnsinnig aktive Web 2.0-Szene wahr. Damals hieß das noch so. Man konnte quasi jeden Abend irgendwo umsonst Bier trinken und mit Anderen über’s Internetz sprechen. Ich benannte meinen Blog in www.webzweipunktnull.de um und schrieb fortan über alles, was mir zum Thema in die Finger kam. 2007 besuchte ich mein erstes Barcamp und das Startup Weekend. Alles in Hamburg und - soweit mir bekannt-  auch erste Ausgaben dieser internationalen Unkonferenzen in Deutschland überhaupt.

Und das war verrückt. Ich meine, da wo ich aufgewachsen bin, in der norddeutschen Tiefebene, da ist man nicht selten 1,5 Stunden in die Disco gefahren. Und hier in Hamburg trat ich vor die Tür und lief dem Cem Basman in die Arme, einen waschechten Mover & Shaker in Sachen aufkeimendem Mitmachnetz. 

Es folgten dann ein Wordcamp, eine Microblogging Conference, ein Twittwoch aus dem dann die Twittnite wurde, ein Social Media Club und viele, viele weitere Movements. Das muss man sich mal vorstellen, überall schossen Events, Gruppierungen und Kollaboration zum Thema Internetz 2.0 wie zarte Pflänzchen aus dem Mutterboden Hamburg. Überall Leute, die Bock hatten, beim Shift der Medien von der kommunikativen Einbahnstraße hin zum Echtzeitaustausch auf Augenhöhe mitzumachen und mit zu gestalten.

Der Shit war so deep (und die Goldgräberstimmung/ Nachfrage so groß) dass ich gegen Ende 2009 hin die Gelegenheit am Schopfe packte und mir selbst den Titel “Social Media Berater” gab. Was passierte war wieder recht lustig, ich verkaufte Agenturen Einführungen ins neue Internetz, die nur einige Jahre zuvor mein Gesuch auf einen Praktikumsplatz abschmetterten. In Hamburg gab es einfach massig Nachfrage, die Hamburger Web 2.0 Szene war DER Nährboden für Vernetzung, tiefes Spezialwissen und ausgefuchste Technologien.

2011 schnappte ich dann völlig über, und gründete mit Pedro Anacker die beesocial GmbH. Eine Social Media Agentur im Herzen von St. Pauli mit mittlerweile 14 Mitarbeitern die konzipieren, entwickeln und monitoren. Wir sind an zwei weiteren Hamburger Startups beteiligt. Bis heute versteht meine Mutti nicht, was ihr Junge da eigentlich arbeitet in Hamburg.

Hamburg als Wirtschaftsstandort war in beruflicher Hinsicht sehr gut zu mir, in der Stadt fühle ich mich zu Hause. Hamburg hat sozusagen einen gut bei mir. Leider muss ich dazu auch sagen dass das alles weitgehend ohne Berührungspunkte zu den Hamburger Initiativen statt fand, die Hamburg als Standort für Werbung und Medien eigentlich fördern sollten. Schade. Zeit, was zu ändern!

Gastautor Sven Wiesner ist Gründer und Geschäftsführer der beesocial GmbH, der Social Media Unit von beebop media AG, einem Spezialdienstleister im Bereich Social Media Marketing mit Markenerfahrung.

Bildnachweis: Sven Wiesner

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