The Spectator - Ein subversives Produkt: Spot.IM

Mittlerweile hat das soziale Netzwerk Facebook über eine Milliarde Mitglieder – das ist eine 1 mit immer-hin neun Nullen. Geschafft haben Mr. Zuckerberg und Co. das in nur zehn Jahren. Da konnte man sich mal eben Anfang des Jahres WhatsApp entspannt für $ 19 Milliarden kaufen. Damit hat Facebook wohl so ziemlich die ganze Netzwerk-Welt besetzt. Die ganze Netzwerk-Welt? Nein! Ein kleines Start-Up in Israel leistet Widerstand.

Die Rede ist von Spot.IM, einem in Israel gegründeten Start-Up, das – so ihr CEO und Co-Founder Nadav Shoval in der „Times of Israel“ – „ein Ungleichgewicht korrigieren will.“ Als soziales Netzwerk ist Facebook auf die Beiträge und die Mitwirkungen seiner User angewiesen, um seine Online-Community stetig auszubauen. Links zu Inhalten von anderen Sites sind da ein probates Mittel, allerdings: das ist superduper für Facebook, aber die Content Provider haben doch eher wenig davon.

Das eben will nun Spot.IM ändern. Nadal Shoval sagt: „Wir bieten Websites eine Möglichkeit, ihre eigenen User-Communities aufzubauen – und zwar mit dem Content der Seite selber und nicht durch quasi Export von Content auf Facebook. Die User, Klicks, Links, Metrics und das Geld bleiben auf der jeweiligen Site, kommen deren Owner zugute und eben nicht Facebook.“

Einige Kunden konnte Spot.IM bereits gewinnen, wie etwa das Musik-Journal Kerrang („the world’s biggest selling weekly rock magazine“, der deutsche Bauer-Verlag bei dieser britischen Publikation der verlegerische Herr im Hause), das Londoner Entertainment-Magazine Time Out oder Red Bull. Dessen Webeditor Chris Stanton stellt fest: „Spot.IM hat uns dabei geholfen, eine Online-Community für das Red Bull Cliff Diving zu ent-wickeln. Via Live-Chat mit Springern und Usern haben wir auf unser Projekt im speziellen und den Sport im Allgemeinen aufmerksam gemacht. Unser Ziel ist es, diese Community künftig weiter zu entwickeln“ – mit Spot.IM.

Auf der Website können Website-Owner per Drag-and-Drop ein interaktives Dialog-System nutzen, das an Facebook erinnert. Hier wird es Spot genannt:  User können in Echtzeit Nachrichten posten, schauen, wer gerade online ist oder sie können Kommentare öffentlich oder privat für bestimmte User posten. Nadav Shoval meint: „ Durch das direkte Engagement der User können Sites länger online sein, mehr Traffic generieren und halten, sie können signifikant ihre User-Community erweitern.“

Spot.IM ist eigentlich eine Art subversives Produkt. Anstatt dem üblichen Muster zu folgen (das da ist: Facebook mit Content zu versorgen), nutzt das Start-Up die wunderbare Facebook-Mechanik, neue User zu gewinnen. „Wenn jemand einen Link von einer Content-Site zu einer Facebook-Page postet, dann werden User, die darauf klicken zur Content-Page umgeleitet. Normalerweise würden sie die Seite schließen und zu Facebook zurückkehren, weil ihnen die Site nicht bekannt ist,“ analysiert Nadav Shoval. „Aber wenn sie eine Community darauf entdecken und eben nicht nur eine Facebook-Site, dann ist’s sehr wahrscheinlich, dass sie bleiben und so zu Usern konvertiert werden.“

Gegenwärtig wird Spot.IM for free angeboten, aber man arbeitet an einem Finanzausgleichs-Modell. Es soll ein „Karma-Modell“ (O-Ton Shoval) sein: „Alle sollen gleichermaßen gewinnen - User, Content-Owner, Spot.IM.“ Das Team dieses Start-Ups besteht aus erfahrenen Leuten der israelischen Business- und Internet-Szene. Und natürlich wissen die Boys and Girls von Spot.IM, dass sie Facebook nicht komplett in die Bredouille bringen können. Gleichwohl: „Wir wollen sozusagen etwas mehr Gerechtigkeit im Internet für Content-Owner herstellen.“ Der Spectator behält im Auge, wie’s weitergeht - vorerst haben Investoren einige Millionen Dollars in Spot.IM gesteckt, weil sie an’s Konzept glauben. Wait and see.

von Andreas Wrede, Editor InnoLab/Medienmanagement, Hamburg Media School

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