Website meets Newsletter meets Kontaktbörse

Von Carolin Neumann

Die besten Dinge in meinem digitalen Leben habe ich erst im zweiten Anlauf zu schätzen gelernt. Bei Twitter beispielsweise meldete ich mich nach einer Viertelstunde wieder ab, um es erst ein halbes Jahr später erneut zu versuchen – und hängen zu bleiben; heute bestimmt kein Medium meinen Alltag so sehr wie dieses.

Wieso ich das erzähle: weil ich durch diese Erfahrung gelernt habe, öfter zwei Mal hinzuschauen. Und dass ich schnell süchtig werde, wenn ich einmal einen Dienst gefunden habe, der mir richtig gefällt. Das liest Marcus Jordan jetzt vermutlich gerne. Er ist einer von zwei Geschäftsführern der Plattform Torial des Münchener Unternehmens Audible Web, um die es hier geht. Als ich die nämlich vor einigen Monaten das erste Mal betrat, war ich ähnlich schnell wieder weg wie damals, als ich bei Twitter las „What are you doing?“, naiv „Journalist“ eintrug, mich wunderte, dass nichts passierte und mich noch naiver wieder von dannen machte.

Ich werde einen Teufel tun und Torial gleich auf dieselbe Stufe heben wie Twitter; allein schon deshalb nicht, weil man mir das womöglich nicht glauben würde, schließlich habe ich schon mal bezahlt für das Blog von Torial geschrieben.*

Und doch habe ich, als ich mich kürzlich mit Jordan unterhielt, die Ohren gespitzt und beobachte die Entwicklung seither sehr genau. Wie bei einem Elevator Pitch, einer Ideen-Präsentation in kürzester Zeit, sollte er mir das Tolle des Projekts präsentieren. Eines Projekts, das Journalisten gleichzeitig eine Plattform für ihre Artikel, Fotos, Videos geben und sie miteinander verknüpfen will. Es habe „den Anspruch, das einzelne Portfolio eben auch in den richtigen Kontext zu stellen“. Einen Kontext rein für Journalisten. Den auch diejenigen sehr einfach nutzen können, die nicht täglich mit Content Management Systemen à la Wordpress hantieren und sich ihre eigene Seite bauen (oder Geld für einen Webdesigner in die Hand nehmen) wollen und die auch sonst keinen großen Bezug zu sozialen Netzwerken haben.

Bei Torial (mal exemplarisch mein eigenes Profil) erstelle ich Links, bette Videos ein oder lade PDF-Dokumente meiner Arbeiten hoch, kann sie mit Bildern versehen und per Drag&Drop bequem hin- und herschieben. Ich kann mir selbst ein Profil geben und so viele Ausschnitte meiner Arbeit teilen wie ich möchte, öffentlich oder ausschließlich für angemeldete Nutzer.

So weit, so simpel. Doch Torial soll mehr sein als nur ein Portfolio-Tool, auch „Netzwerk und Archiv“, meint Jordan. Während man mit seiner Website irgendwo sei, sei man mit dem „da, wo auch die anderen Journalisten sind. Bei Torial bist du Teil einer Relevanzplattform, im Web stehst du einfach auf irgendeiner Site.“ Heißt: Publizistisch arbeitende Menschen bleiben hier, im positiven Sinne, unter sich und können sich im besten Fall besser und direkter vernetzen als wenn sie es lediglich über eine Seite wie Xing probieren.

Dieser „eigene Raum für Journalisten“, den Torial über das schon jetzt gut anwendbare und sehr schicke Profil hinaus bieten will, wird allerdings erst dann funktionieren, wenn Torial eine kritische Masse erreicht. Eine Nutzerzahl, die klar macht, wo die dynamischen Effekte, die Jordan anpreist, liegen können. Schon jetzt kann ich die Portfolios anderer Nutzer abonnieren und unter „Projekte“ konkret mit anderen zusammenarbeiten und mich zum Beispiel über geplante Recherchen austauschen, ganz so, wie ich es etwa in einem gemeinsamen Google Doc tue. 2013 will Torial in diesem Bereich noch mehr zum „Kollaborations-Tool“ werden, erzählt Jordan.

Rein theoretisch ist jedoch jetzt schon klar, für wen das Portal interessant sein könnte: all jene Journalisten und Medienschaffende, die mit dem digitalen Raum bislang eher hadern. Die keine Lust haben, sich aufwändig in technische Details anderer Systeme einzuarbeiten. Die ihre Daten nicht dem US-Riesen Facebook geben wollen. Die von dem Gedanken abgeschreckt werden, Profile auf verschiedenen Plattformen pflegen zu müssen. Die viel Wert auf ihre journalistische Arbeit und nicht die reine Profilierung setzen. Die hier erkennen könnten, wo die Potenziale des Netzes für ihre Arbeit liegen.

Vielleicht liege ich damit total daneben, und am Ende ist Torial doch nur eine für Laien besser verständliche Variante von Tumblr. Oder Marcus Jordan trifft den Nerv und „die perfekte Such-Funktion“ und „ein verbessertes Kollaborations-Tool“, die 2013 kommen sollen, können Journalisten ein besseres Netzwerk ermöglichen. Wir neigen seit Facebook und seinen Akquisitionen dazu, groß zu denken – dabei sind es vor allem die Nischen, die Erfolge einfahren. Und als Journalisten sind wir nun mal personifizierte Nischen.

* Für diesen Beitrag wurde ich übrigens nicht bezahlt. Eine überarbeitete Fassung erscheint ganz nebenbei gesagt auch in meinem eigenen Blog.

Wer Torial kennenlernen will, hat zum Beispiel am 18. Februar im Rahmen der Social Media Week eine Chance.

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