NEW STORYTELLING
02
Deze.2014

5 Fragen für 2015 (Mark Heywinkel)

nextMedia.Hamburg: Mark, was genau verbirgt sich hinter der Idee „Urban Journalism“?

Mark Heywinkel: Hinter diesem Label steckt ganz grundsätzlich die Idee, Journalismusin den öffentlichen Raum zu bringen. Booker buchen Auftritte für Bands, Agenturen vermitteln ihren Autoren Lesungen - und wir wollen Journalisten Plattformen schaffen, auf denen sie ihre Berichterstattung auf spannende und experimentelle Weise inszenieren können. Das Ziel ist es auf der einen Seite, dem Publikum Journalismus auf eine performative Weise zu präsentieren und ihm die Möglichkeit zu geben, Reporter unmittelbar mit Fragen zu löchern. Gleichzeitig sollen die "Urban Journalism"-Veranstaltungen Medienhäusern dazu dienen, ihr Publikum besser kennenzulernen und auf neuem Wege für ihre Medien zu begeistern.

nextMedia.Hamburg: Bei eurer ersten Veranstaltung in Berlin habt ihr gemeinsam mit dem Publikum ein erlebbares Magazin entstehen lassen. Wie wollt ihr sicherstellen, damit nicht nur technisch versierte und gut ausgebildete Menschen zu erreichen und eine schicke neue Filterbubble aufzubauen?

Mark Heywinkel: Um unseren ersten "Urban Journalism Salon" zu bewerben, hatten wir nicht viel Bargeld in der Tasche. Also haben wir die Veranstaltung vor allem über unsere Social-Media-Kanäle beworben, was, wie du schon angemerkt hast, vor allem die Digital Natives angelockt hat. 350 Zuschauer waren am 1. August da, Durchschnittsalter: 28,94 Jahre. Darunter waren viele Journalisten, die über die Auftaktveranstaltung berichten oder sich einfach mal ansehen wollten, was wir da überhaupt zustande gebracht haben. Man könnte also behaupten, dass der erste Salon eine Filterbubble-Veranstaltung war, und darüber haben wir uns anfangs auch ein wenig geärgert. Dabei ist das gar nicht so schlimm. Lieber macht man ein Produkt, das eine bestimmte Zielgruppe aus den Socken haut, als ein Produkt, das alle so einigermaßen okay finden. In Zukunft wollen wir also versuchen, mit monothematischen Salons die Zielgruppe zu begeistern, die sich für ein bestimmtes Thema interessiert. Beim zweiten Salon könnten vor allem Sportfans auf ihre Kosten kommen, beim dritten Salon sind es dafür womöglich Reisebegeisterte.

nextMedia.Hamburg: Das Projekt fällt in eine Zeit, in der mehr Menschen als zuvor selber Inhalte produzieren und verbreiten können. Deshalb erscheinen uns die tradierten Medienstrukturen oftmals als altbacken. Müssen Journalisten also weniger in Kanälen und Veröffentlichungen, sondern in Räumen und Diskursen denken?

Mark Heywinkel: Was Journalisten heutzutage tun oder sein lassen müssen, ist eine furchtbar müßige Diskussion. Journalisten müssen ordentlich recherchieren und gewissenhaft berichten, that's it. Welche Kanäle sie letztendlich nutzen, um ihre Zielgruppe zu erreichen, hängt davon ab, wie sich ihre Zielgruppe am besten erreichen lässt. Wenn ich Hasenzüchtern in Bayern erzählen will, dass in ihrer Nachbarschaft der größte Widder der Welt gezüchtet wurde, sollte ich mich nicht beim "Urban Journalism Salon" zum Thema Gentrifizierung in Berlin auf die Bühne stellen. Ob man in Kanälen, Räumen oder Diskursen denkt, ist keine Frage von richtig und falsch, sondern eine Frage nach der Zielgruppe.

nextMedia.Hamburg: Müssen Journalisten insgesamt politischer werden, um die von ihnen erstellten Inhalte glaubwürdig vertreten zu können?

Mark Heywinkel: Auch das ist eine Frage der Zielgruppe. Viele taz-LeserInnen wären sicher enttäuscht, wenn das Blatt seine politische Gesinnung nicht mehr so scharfzüngig und plakativ gleich auf der ersten Seite verkünden würde. Die Tageszeitung ist gerade durch ihre klare Haltung so interessant für ihre Zielgruppe. Die Tagesschau-Zuschauer ziehen es hingegen womöglich vor, von Judith Rakers emotionslos die Nachrichten vorgelesen zu bekommen, weil sie nicht interessiert, was Rakers zu Thema x denkt. Das sind alles mögliche Wege. "Urban Journalism" zielt auf ein Publikum ab, das sich auch für die Personen hinter den Nachrichten interessiert. Wer bei uns auf die Bühne steigt, muss also seine Meinung öffentlich vertreten und auch diskutieren wollen.

nextMedia.Hamburg: Wann erleben wir „Urban Journalism“ in Hamburg?

Mark Heywinkel: Wir arbeiten gerade eifrig daran, den zweiten "Urban Journalism Salon" in Hamburg stattfinden lassen zu können. Wenn uns Medien und Sponsoren dabei unterstützen möchten, können sie sich jederzeit bei uns melden.

nextMedia.Hamburg: Viele Dank für das Gespräch.  

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