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18
Deze.2013

Crowdfunding: Ist die Crowd die bessere Bank?

Crowdfunding ist das Buzz-Thema in der deutschen Medienlandschaft. Ob Filmproduktionen, nachhaltige Turnschuhe oder auch die Finanzierung von Start-ups: Durch die liquide Crowd wurden seit 2012 mehr als 16 Millionen Euro über Crowdfunding- und -investing-Plattformen gesammelt.
Der Markt für Funding-Plattformen boomt: Indigogo.com, Startnext.de, Seedmatch.de oder Companisto.de sind nur einige der wichtigen Web-Adressen, um über die Community Kapital einzusammeln. Liegt das Geld auf der Straße und müssen wir es nur aufheben? Welche Vorteile haben Start-ups und Kreative durch das Sammeln von Kapital durch die Community? Gibt es Risiken, die die Crowdfunder beachten müssen?

Im zweiten Backyard TV Film „Crowdfunding – Ist die Crowd die bessere Bank?” geht die Initiative Hamburg@work diesen Fragen nach und lässt vier Crowdfunding-Experten aus der Hamburger Kreativ- und Start-up-Szene zu Wort kommen.



Sina Greinert ist Projektleiterin der Crowdfunding-Plattform „Nordstarter“. Daniel Bröckerhoff arbeitet als freier Journalist und war Mit-Initiator der Crowdfunding-Kampagne „st_ry – Deine Doku“, die über startnext finanziert werden sollte. Als bekennender Skeptiker des Crowdinvesting-Hypes spricht der Internet-Unternehmer Thomas Promny über seine Erfahrungen mit dem Thema. Die Schwestern Laura Gollers und Sabrina Schönborn sind Gründerinnen des Dessous-Labels „SugarShape“ und zündeten ihr Start-up mit einer Crowdinvesting-Kampagne auf Seedmatch.

Das Thema Crowdfunding bedarf einer wichtigen Differenzierung: Crowdfunding und Crowdinvesting sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Während ein „reward-based Crowdfunding” über eine Plattform wie beispielsweise Nordstarter eher einem Abverkauf von Produkten gleichkommt, geben die Mikroinvestoren auf einer Crowdinvesting-Plattform, wie z. B. Seedmatch, renditegetriebenes Risikokapital. Sina Greinert und Daniel Bröckerhoff haben Erfahrungen mit Crowdfunding – und der Journalist findet im Film eine handliche Definition zur Unterscheidung der Finanzierungsmodelle: „Crowdinvestment ist ein Unterbegriff des Crowdfundings. Hier geht es nicht darum, dass man eine Gegenleistung für das Investment in Form eines Geschenkes oder eines Produktes bekommt, sondern hierbei erwarten die Geldgeber, dass sie ihr Geld später mit einem Gewinn zurückbekommen.”

Beim Crowdfunding geben die Plattformen Indigogo und Startnext maßgeblich den Ton an. Allein in 2013 wurden laut Crowdfunding Monitor über die Hälfte der 1166 gestarteten Projekte auf den fünf relevantesten Plattformen erfolgreich gefundet.

Sina Greinert ist Projektleiterin bei der regionalen Crowdfunding-Plattform Nordstarter, die als autarke Initiative eng mit Startnext kooperiert. Nordstarter wurde 2011 von der Hamburg Kreativ Gesellschaft gegründet, um Hamburgs Kreativen Zugang zu finanziellen Mitteln zu erleichtern und gleichzeitig verstärkte Aufmerksamkeit zu bieten. Sina Greinert ist der Meinung, dass die Crowd nicht nur eine bessere Bank sei, sondern „dank Schwarmintelligenz ebenfalls Indikator für den späteren Erfolg einer Idee ist. Die Crowd reflektiert die Idee, spricht darüber und verbreitet sie so in ihren Netzwerken. Insofern tritt die Crowd ebenfalls als Marktforschungsinstitut, Pressesprecher und Netzwerker auf. Eine Bank tut dies in der Regel nicht.”

Die Gründerinnen des Dessous-Labels SugarShape, Laura Gollers und Sabrina Schönborn, sind ambitionierte Jungunternehmerinnen, die sich für das Crowdinvesting entschieden haben. Mit ihrem SugarShape-Konzept haben sich die Schwestern seit Anfang 2012 zum Ziel gesetzt, den Dessousmarkt mit einem neuartigen und eigens entwickelten Größensystem für BHs zu revolutionieren. Neben einer persönlichen Beratung werden die Kundinnen durch Votings in Fragen des Produktdesigns einbezogen und werden so Teil einer treuen Community. „Wir haben uns bewusst dafür entschieden unsere Startfinanzierung über Seedmatch zu machen. Dort kann ein einzelner Investor bis zu 10.000 Euro investieren und bekommt dann später die Gewinnbeteiligung, das wäre über eine Crowdfunding-Plattform wie Startnext nicht möglich gewesen.”

Thomas Promny ist dabei vorsichtig optimistisch. Der Internet-Unternehmer warnt vor dem Hype, denn das Kapital ist und bleibt eines: Risikokapital. „Das Crowdinvesting birgt das Risiko, dass es in ein, zwei Jahren die ganz natürlichen Ausfälle bei den Start-ups geben wird. Dann kann der Hype ins Negative umschlagen.” Die Erfolgsfaktoren für das Sammeln über die Crowd sind jedoch für Crowdfunding und -investing ähnlich: „Die Starter müssen ihre Zielgruppe kennen und sie auf ihren Lieblingskanälen ansprechen”, sagt Sina Greinert. Transparenz und Authentizität sind immanent für eine Kampagnenerfolg: „Menschen unterstützen nicht nur ein Projekt, sondern die Menschen, die dahinter stehen.”

Für die SugarShape Schwestern ist ein stimmiger Businessplan zunächst von Vorteil, aber Laura und Sabrina raten den Startern auch, Zeit in ein Vorstellungsvideo zu investieren: „Danach haben uns die Investoren gesagt, dass sie das Team und die Authentizität des Geschäftsmodells überzeugt hat.” Die wichtigsten Learnings aus der eigenen Crowdfunding-Kampagne von Daniel Bröckerhoff sind, die Funding-Schwelle nicht zu hoch anzusetzen und die Crowd nicht zu überfordern: „Wir haben zwei Konzepte miteinander verknüpft: Open Journalism und Crowdfunding. Ich glaube, das war zu viel.”
Die Crowd als Bank zu nutzen ist keinesfalls ein Spaziergang und birgt Risiken, die jeder Starter in seine Projektplanung aufnehmen sollte. Allerdings eröffnet sich für Gründer und Kreative die Möglichkeit, Projekte umzusetzen, die noch vor zwei Jahren keine finanziellen Mittel bekommen hätten. Innovative Ideen können so verwirklicht werden.

Autor: Sina Gritzuhn

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