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09
Sept.2014

Der Tag wird kommen - Marcus Wiebusch crowdfundet Video

nextMedia.Hamburg: Du warst mit dem Label „Grand Hotel van Cleef“ schon mal Gründer in eigener Sache, weil ihr keine Geldgeber für euer Debütalbum gefunden habt. Jetzt pumpst du für das Musikvideo zu „Der Tag wird kommen“ die Crowd an. Ist das eine einmalige Aktion oder steckt ein nachhaltiges Geschäftsmodell dahinter?

Marcus Wiebusch: Crowdfunding ist eine punktuelle Geschichte, der ich zunächst nicht einmal positiv gegenübergestanden habe. Der Gedanke, unsere Fans zur Finanzierung des Musikvideos zu benutzen, habe ich erst als irritierend empfunden. Viele Leute haben mir aber vermittelt, dass das Lied eine gewisse Sprengkraft besitzt. Ich hatte schon eine Idee für den Film und fand nach einigem Nachdenken den Prozess von Crowdfunding doch sehr interessant. Ich mag das demokratische Moment in dieser Geschichte: die Fans entscheiden, ob es diesen Film gibt oder nicht.

nextMedia.Hamburg: Beim Song geht es um das Thema „Homophobie im Fußball“. Hat das Outing des früheren Nationalspielers Thomas Hitzelsperger dabei eine Rolle gespielt?

Marcus Wiebusch: Nein, das Lied ist bereits im September vorigen Jahres entstanden, und ich habe mich dafür sehr viel mit Sportjournalisten ausgetauscht. Aber nachdem sich Thomas Hitzelsperger am 8. Januar geoutet hat, war ein unglaubliches Interesse an dem Song vorhanden. Bereits vor der Veröffentlichung erhielt ich allerdings viele positive Rückmeldungen. Zunächst habe ich den Song als Lyrik-Video auf YouTube veröffentlicht, und er ging dann sehr schnell auf 200.000 Klicks hoch. Ich hatte dabei immer im Kopf, dass der Song mit einem kraftvollen Film bebildert werden soll. Wir haben verschiedene Finanzierungsmodelle durchgesprochen, wobei letztendlich die Wahl auf Crowdfunding fiel.

nextMedia.Hamburg: Wie aufwändig war das Crowdfunding?

Marcus Wiebusch: Crowdfunding darf man nicht unterschätzen, da es sehr arbeitsintensiv ist. Die meiste Arbeit haben dabei die Prämien gemacht, die wir im Gegenzug für unsere 1048 Crowdfunder einlösen. Das ist Arbeit für das ganze Team. Ganz ehrlich: Hätte mir vor Monaten ein potenter Geldgeber das Geld ohne Kompromisse oder Abstriche im künstlerischen Bereich angeboten, dann hätte ich mich dafür entschieden. Für uns war und ist die Hauptsache, dass der Film entsteht. Jetzt gefällt mir der Gedanke, dass die Crowd meinen Film mitfinanziert insofern, als dass so viele Leute so viel Vertrauen in mich haben, mich ohne Bedingung unterstützen und ich künstlerisch machen kann, was ich möchte. Das ist ein gutes Gefühl.

nextMedia.Hamburg: Andere Crowdfunder erzählen davon, dass die Werbung für das Projekt eine mehr als tagesfüllende Angelegenheit war. Bei dir auch?

Marcus Wiebusch: Nein, interessanterweise musste ich kaum PR machen. Es war zum Beispiel geplant, dass ich in Süddeutschland auf eine kleine Radiotour gehe, um das Funding zu promoten. Aber dann haben wir unser Ziel schon nach fünf Tagen erreicht und statt der 30.000 geplanten mehr als 54.000 Euros eingesammelt. Also haben wir uns entschieden, die Besuche auf den Zeitpunkt nach der Veröffentlichung des Films zu verlegen.

nextMedia.Hamburg: Wie erklärst du dir die teils hymnischen Elogen auf den Song?

Marcus Wiebusch: Wir hatten einerseits sicher den Vorteil, dass wir bereits Fans hatten, als wir das Projekt gestartet haben. Zudem ist Homophobie ein Thema mit einer immensen Wichtigkeit. Die homosexuelle Community hat mir ausgesprochen positive Rückmeldungen gegeben. Der umfassende, distanzierte und sympathische Blick auf diese Geschichte trifft sich offensichtlich mit den Erwartungen der vielen Menschen, die es wichtig finden, dass das Thema präsent ist und angesprochen wird.

nextMedia.Hamburg: Möchtest du mit dem Song nach Thomas Hitzelsperger auch andere homosexuelle Fußballer zum Outing ermutigen?

Marcus Wiebusch: Ich fordere niemand zum Outing auf, es ist ganz klar eine persönliche Entscheidung. Der Song will lediglich dazu aufrufen, ein Umfeld zu schaffen, dass das überhaupt möglich macht sich zu bekennen. Zu einem erfüllten Leben gehört für mich, dass jeder seine Sexualität ohne Nachteile ausleben und natürlich damit umgehen kann. Mein Bruder ist homosexuell, ich habe die Reaktionen miterlebt, und deshalb ist dieses Thema für mich so wichtig.

nextMedia.Hamburg: Man könnte meinen, du rennst mit deinem Anliegen offene Türen ein. Aber im Text deines Liedes wehrst dich auch dagegen, dass Menschen und ihre Sexualität „von den Dümmsten der Dummen beurteilt werden“. Gibt es Gegenmeinungen?

Marcus Wiebusch: In offenen Foren im Internet treiben sich tatsächlich die Dümmsten der Dummen rum. Man muss nur mal bei YouTube auf die Kommentare unter meinem Video gucken. Das darf man aber nicht an sich rankommen lassen. Tatsächlich habe ich entgegen meiner Erwartungen aus einer ganz anderen Richtung für den Song ordentlich einstecken müssen. Die „Pop-, Linken-, Intelligenz-Ecke“ lastet mir tatsächlich an, den Zeigefinger zu erheben und den Moralapostel zu spielen. Natürlich habe ich eine starke Haltung zu dem Thema und beschuldige auch Leute; wenn ich homophobe Idioten sehe, dann benenne ich sie auch. Trotzdem hat mich die Kritik von dieser Seite besonders getroffen.

nextMedia.Hamburg: Erzähl uns was über den Film: Wann erscheint er, wer spielt die Hauptrolle?

Marcus Wiebusch: Der Film soll am 6. September veröffentlicht werden. Der Hauptdarsteller ist ein ganz toller Schauspieler namens Stephan Waak, der zwar nicht so bekannt, aber gut ist. Mir war es wichtig, keine bekannten Menschen zu engagieren, da sie zu sehr ablenken würden. Wir erzählen die Geschichte unter der Prämisse, dass sich jemand nicht outet. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der mit acht Jahren das Fußballspielen entdeckt. Das deckt sich mit meinen eigenen Jungs. Die sind sechs und zehn  und lieben Fußball über alles. Wie ich in dem Alter.

Der Junge in dem Video liebt Fußball genauso, wird älter und bekommt ein Profiangebot, mit dem sein Traum wahrwerden würde, denn es ist das, was er immer wollte. Dann kommt aber die Sexualität ins Spiel, und sein Fußballerleben zerbricht. Sein Vater, sein Manager, sein bester Freund – das sind Menschen, die mit ihm interagieren, und wir machen in dem Video das Spannungsfeld sichtbar, das dadurch entsteht. Wir haben uns sehr angestrengt, daraus eine wuchtige Geschichte mit kraftvollen Bildern zu produzieren.

nextMedia.Hamburg: Geht die Geschichte gut aus?

Marcus Wiebusch: Das Ende werde ich hier noch nicht verraten.

nextMedia.Hamburg: Erfolg weckt Hunger nach neuen Erfolgen, sagt man. Werdet ihr künftig häufiger Projekte über die Crowd finanzieren?

Marcus Wiebusch: Diese Frage war in der Tat in den letzten Wochen und Monaten präsent. Allerdings bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich es nicht übertreiben möchte. Ich glaube wir waren deshalb mit unserem Crowdfunding erfolgreich, weil  unsere Unterstützer das Gefühl hatten, das Thema ist wichtig ist, wir meinen es ernst und wollen das Projekt unbedingt durchziehen. Diese emotionale Verbindung der Unterstützer mit dem Projekt ist essentiell, und schon deswegen kann ich mir nicht vorstellen, mein nächstes Album crowdfunden zu lassen. Ich würde auf keinen Fall meine tägliche Arbeit finanzieren wollen, sondern Die Crowd vorsichtig nur für wichtige Projekte ansprechen, für punktuelle Geschichten mit gesellschaftlicher Relevanz.

nextMedia.Hamburg: Marcus, vielen Dank für das Gespräch.

Foto: (c) Andreas Hornoff

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