NEW STORYTELLING
13
März2014

Kreative brauchen Freiraum und Inkubatoren (Substanz)

Next Media: Substanz soll Deutschland erstes digitales Wissenschaftsmagazin werden - was können die Leser erwarten?

Dahm: Ein Experiment, das mit jeder Ausgabe in eine neue Runde geht. Wir übertragen ja kein bestehendes Print-Layout, wir können völlig frei mit den Möglichkeiten spielen, die wir auf dem Tablet haben. Was können wir mit Grafiken, Animationen, Bildern machen, damit ein schöner Text für die Leser noch schöner wird, weil sie viel besser, intensiver, genussvoller begreifen, woran sich die Forscher in der Geschichte abarbeiten? Ich glaube, da kratzen wir alle erst an der Oberfläche dessen, was möglich ist.

Next Media: Zum Start des Projekts läuft derzeit noch ein Crowdfunding-Projekt, bei dem 30.000 Euro für die Entwicklung der App und erste Recherchen eingesammelt werden sollen. Ist das die finanzielle Zukunft des unabhängigen Journalismus?

Dilba: Auf jeden Fall ein wichtiger Teil davon. Wir zum Beispiel können mit dem Crowdfunding-Geld den Start von Substanz ermöglichen - aber dann müssen wir uns immer noch auf dem Markt behaupten und den Betrieb bis zum Break-Even finanzieren. Ich würde das Instrument aber nicht romantisieren: Es fällt kein Geld wie Manna vom Himmel, bloß weil man “Crowdfunding” ruft. Man muss sich schon sehr krumm machen, um Kunden für etwas zu gewinnen, das es noch nicht gibt. Crowdfunding erleben wir vor allem als eine wahnsinnnig interessante und intensive Art, sich auf dem Markt auszuprobieren und einen Leserstamm aufzubauen.

Next Media:  Im Netz kokettiert ihr damit, in kürzester Zeit zwei Print-Flaggschiffe zu Grabe getragen zu haben. Erst die Financial Times Deutschland, dann deutschen New Scientist. Aber mal ehrlich, wie motiviert man sich, um später mit einer ambitionierten Idee wie "Substanz" an den Start zu gehen?

Dahm: Eine bessere Motivation als die Doppelklatsche hätte es ja gar nicht geben können. Wie so ziemlich jeder bei der FTD und beim New Scientist haben wir uns damals jeden Tag darüber ausgekotzt, wie doof die Verlage sind und was man alles besser machen müsste, könnte, sollte. Und dann haben wir uns gesagt: OK, genug geschnackt, lass uns den Beweis antreten, dass es besser geht. Und dann ist uns erst so richtig klar geworden, dass die Zeit reif ist für Neugründungen wie unsere. Die Technik ist reif, die Tablet-Verkäufe gehen durch die Decke und das Publikum hat sich daran gewöhnt, auf diesen Dingern Geld auszugeben. Es wäre völlig bekloppt, diese Chance jetzt nicht zu nutzen.

Next Media: Wissenschaftler spielen in der Öffentlichkeit nur selten eine Rolle. Wie sollen die Eierköpfe aus dem Elfenbeintürmen sexy gemacht werden?

Dilba: Ach, die sind schon ziemlich sexy, man muss nur richtig hinsehen und eben nicht mit dem Eierkopf-Klischee anmarschieren. Im Prinzip sehen wir keinen Unterschied zwischen Wissenschaftlern, Startup-Gründern und Rockstars: Alle drei arbeiten sich die Finger blutig für eine Idee, an die sie glauben, und nehmen für diese Leidenschaft ziemlich viel in Kauf. Da stecken sehr geile Geschichten drin. Sehr sehr geile.

Next Media: Als digitales Magazin ist "Substanz" auch auf jüngere Zielgruppen angewiesen. Wie soll die sich jede Ausgabe leisten können?

Dahm: Schon die 4,50 Euro, die der New Scientist pro Woche gekostet hat, waren für viele junge Leser an der Schmerzgrenze. Da werden wir drunter bleiben.

Next Media: Inwieweit lässt sich "Substanz" nur in Hamburg umsetzen?

Dahm: Naja, wir haben gerade ein Büro mit einem so unfassbaren Hafenblick bezogen, dass sie uns hier nur mit Waffengewalt wieder rauskriegen. Nein, im Ernst: In Hamburg haben wir unser Netzwerk, wir kennen hier super Leute für alle Arbeitsbereiche. Aber dass wir hier gründen, hat auch was mit Stolz zu tun. Der Verlagsstandort Hamburg stand mal für die großen Innovationen - heute eher für Ausverkauf und Stagnation und Kapitulation. Ganz so schlimm ist es ja nun auch nicht. Da stinken wir gerne ein bisschen gegen an.

Next Media: Welche Unterstützung habt ihr bislang von Institutionen, Organisationen erfahren?

Dilba: Wenn die Frage auf Geld abzielt: den Existenzgründungszuschuss der Arbeitsagentur und die Gründercoaching-Förderung der KfW. In Sachen Kooperation passiert ziemlich viel: Über Stephan Weichert stehen wir im Kontakt mit dem Journalismus-Thinktank Vocer und der Hamburg Media School, mit dem Berufsverband Freischreiber diskutieren wir über faire Arbeitsbedingungen, wir bekommen Rückenwind vom DJV, der Wissenschaftspressekonferenz und der TELI. Wir reden mit der Robert-Bosch-Stiftung über Projekte, wir hatten ein sehr gutes Gespräch im Amt für Medien.

Next Media: Aus eurer Sicht als Gründer: Was muss ein digitales Hamburg unbedingt besser machen?

Dahm: Hamburg braucht einen finanziell gut ausgestatteten Inkubator für Mediengründer. Es gibt hier so viele gute Leute mit Ideen für neue Digital-Medien, denen man einfach mal den Freiraum geben müsste, loszulegen. Wenn die Verlage sich solche Ideenlabore nicht leisten, müssen sie halt zugucken, wie andere die Zukunft entwickeln. Aber das kostet - für eine Nullnummer braucht man viel Geld für Fremdleistungen, also Autoren, Fotografen, Designer, Programmierer. Wenn so ein Ding erst mal steht, kann man sich als Gründer ganz anders präsentieren.

Next Media: Vielen Dank für das Gespräch.

Foto: Credit: Tinka und Frank Dietz

Autor: Jan C. Rode

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