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19
März2014

Mit allen digitalen und analogen Wassern gewaschen (Guido Möller)

Next Media: Halllo Guido, herzlichen Glückwunsch zum Gewinn von "crowd for shorts", dem Crowdfundingwettbewerb für Kurzfilme. Stell dich doch bitte kurz vor.

Guido Möller: Ich arbeite seit über 20 Jahren im In- und Ausland freiberuflich in der Filmbranche. Zuletzt als Regisseur und Kameramann. Neben Spielfilm und Werbeclips habe ich ebenso in den Disziplinen Highspeed und stereoskopische 3D Aufnahmen sowie Multikamera Natur-, Musik-, und Theaterdokumentationen gearbeitet. Für den Klavierkabarettisten Bodo Wartke drehte ich mehrere Konzerte und das Solotheaterstück „König Ödipus“. (Regie: Sven Schütze).  Die Filmreihe „Filmstadt“ (Regie: Dennis Albrecht) bei der ich für die Kameraarbeit verantwortlich war, lief mit großem Erfolg auf dem Filmfest Hamburg 2013. Aus dem Crowd for shorts Kurzfilmwettbewerb ging mein Projekt „Doggiiibag“  Ende Februar als Sieger hervor. Meine Bilder sollen unter die Netzhaut gehen. Es liegt mir viel daran das Geschehen in das richtige Licht zu setzen und den Geschichten eine ihnen förderliche Bildsprache zu geben.

Next Media: Wie bist du auf die Idee für "Doggiiibag" gekommen?

Guido Möller: Die kam, als ich im März 2013 durch die Grünfläche beim Grünen Jäger ging und vor mir zwei Hunde zeitgleich auf dem schmalen Fußweg ihr Geschäft hinterlegten. Der eine Hundehalter nahm mit Hilfe eines Gassibeutels die Hinterlassenschaft auf, der andere nicht. Da dachte ich: „Hier läuft etwas falsch“ – Der andere Hundehalter müsste doch jetzt einen Beutel tragen und so war die ursprüngliche „Geschäftsidee“ geboren: Im szenischen Kurzfilm „Doggiiibag“ wird sich der „Geschäftsmann“ (gespielt von Helmut Zierl) um die Geschäfte von Hunden kümmern, welche die Hundehalter nicht aufgesammelt haben. Er wird dafür sorgen, dass die Hundehalter die Hinterlassenschaften "unfreiwillig" mit nach Hause nehmen werden.

Next Media: Wenn man auf deinen Werdegang blickt, kommt der sehr klassisch daher. Inwieweit wirbelt die Digitalisierung die Film- und Medienlandschaft nun durcheinander?

Guido Möller: Die digitale Umstellung der Aufnahmemedien ist weitestgehend vollzogen. Das Filmkopierwerk hat geschlossen und die Kinos projizieren meist nur noch digital. Dennoch sind wir erst am Anfang der Möglichkeiten welche uns die digitale, neue Medienwelt bieten wird. Smartphones werden immer leistungsfähiger und wir können jetzt schon im Vorbeigehen mehr Laufbilder drehen als die Menschheit sich je wird anschauen können. Sorge bereitet mir allerdings der immer mehr aufkommende „digitale zwischenmenschliche Umgang“ in der Branche. Früher wurde ein Filmschaffender persönlich angerufen, weil man ihn wegen seiner Qualifikation und seines Charakters für das Team und das Produkt haben wollte. Musste der Dreh aus welchen Gründen auch immer, abgesagt oder verschoben werden, dann wurde dieser Mensch auch persönlich angerufen. Heutzutage kommt die Anfrage bestenfalls per Telefon und eine eventuelle Absage per email.

Next Media: Die Digitalisierung macht also nicht alles einfacher für dich?

Guido Möller: Ich bin froh mit allen digitalen aber auch analogen Wassern gewaschen zu sein. Ich kenne und nutze die Vorteile aus beiden Welten. Ein Beispiel: Früher wurde immer eine unmissverständliche Wegbeschreibung erstellt, damit alle den Drehort sicher finden. Heute bekommt man teilweise einen Google-Maps link oder nur eine SMS. Dass man immer und überall Navi und Handyempfang hat wird vorausgesetzt. Auch ohne Mobiltelefon und Internet kamm früher alle pünktlich und sicher zum Drehort. Die Planung vor dem Dreh war früher sorgfältiger. Es geht eben nichts über eine gute Dispo. Was also die schnellen vervielfältigbaren digitalen Kommunikationsmöglichkeiten angeht, sind die Menschen noch weit davon entfernt, mit dieser Evolution Schritt zu halten. Und noch was: Ob digital oder analog, der Anschaltknopf an einer Kamera ist auch gleichzeitig ein Ausschaltknopf. Das wird bei digitalen Drehs leider oft vergessen. Dennoch muss auch dieses Material kopiert, gesichtet und archiviert werden. Bei der Verwendung von analogem Filmmaterial welches teuer und begrenzt ist, wurde erst der Kopf eingeschaltet und danach die Kamera...und diese dann auch rechtzeitig wieder aus.

Next Media: Welche Rolle spielt für dich der Medien- und Digitalstandort Hamburg, gerade im Bereich Film und was zeichnet Hamburg für dich aus?

Guido Möller: Hamburg bietet unzählige spannende Motive. Vom ranzigen Kiez bis hin zum edlen Chic ist alles dabei. Am Morgen dreht man eine Spielfilmszene in einer mondänen Villa in Blankenese und am Abend eine andere Szene im Stundenhotel in St. Georg. Die Nähe zum Wasser bietet viele weitere schöne Drehorte. Sei es der Containerhafen oder sandige Elbstrände. Die Stadt Hamburg ist auch architektonisch eine Augenweide. Ebenso gibt es in Hamburg große Studios und viele professionelle Kameratechnik- und Lichtverleihfirmen. Postproduktionshäuser und kreative Potentiale sind ebenfalls reichlich vorhanden. Damit sich Künstler und Musiker ausprobieren können, fehlt es leider oft an bezahlbaren und geeigneten Flächen für Ateliers und Proberäume. Für mich ist nach über 20 Jahren im Spielfilm und Werbebereich ein fundiertes Netzwerk zu den Filmschaffenden entstanden welches sich wie eine große Familie anfühlt. Seit 2001 lebe ich auf St. Pauli und fühle so immer den urbanen Zeitgeist ticken. Ob politisch oder kulturell, sportbezogen oder künstlerisch, man ist automatisch auf dem neuesten Stand. St. Pauli ist wie ein kleines Dorf mitten in einer Großstadt. Weil mir St. Pauli sehr am Herzen liegt bin ich seit 2012 Mitglied im Sanierungsbeirat „Wohlwillstrasse“ - hier engagiere ich mich ehrenamtlich für meinen Stadtteil.

Next Media: Vielen Dank für das Gespräch.


Foto: Eric Genzen


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