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19
Juni2013

Stefan Plöchinger zum Start von "Die Recherche": Grenzen auflösen

Seit dem vergangenen Wochenende crowdsourcst die Süddeutsche Zeitung Rechercheaufträge von Leserinnen und Lesern. SZ-Digital-Chef Stefan Plöchinger möchte damit "die Geschichten hinter dem Informationsrauschen" bieten und dem veränderten Rollenverständnis von Journalismus und Journalismus in Zeiten, in denen "Kanzlerinnen Youtube-Kanäle haben, Pop-Sternchen eigene Blogs und US-Präsidenten Millionen Twitter-Abonnenten". In Anlehnung an Bertolt Brecht träumt Plöchinger davon die Grenze zwischen Journalisten und Lesern endgültig einzureißen.

Next Media: Wie lange wurde an der Idee für "Die Recherche" gearbeitet?

Stefan Plöchinger: Ausgearbeitet war das Konzept binnen zwei, drei Wochen. Unsere Mitarbeiterin Sabrina Ebitsch hatte es vor einigen Monaten in einem Projekt-Pitch in der Redaktion unter dem Arbeitstitel "Call-a-Dossier" eingebracht. Dann haben wir in der Redaktionsleitung über Budget- und Umsetzungsfragen diskutiert und mit ihr an den Details gefeilt – aber im Kern ist das Konzept in einem Ideenwettbewerb entstanden. Jetzt setzt die Kollegin das um, unterstützt von den Ressorts und unserem Großprojekt-Koordinator Wolfgang Jaschensky.

Next Media: Wird das Projekt ausschließlich im Internet laufen oder auch mal in der Printausgabe?

Stefan Plöchinger: Das werden wir je nach Thema und Lage entscheiden. Wir machen diesen Print-Online-Unterschied eh nicht mehr generell, sondern entscheiden einfach, welche Geschichte wo am besten funktioniert.

Next Media: Es fällt auf, dass bei der ersten Themenabstimmung globla Themen wie Steuergerchtigkeit oder Umweltschutz eine große Rolle spielen. Haben lokale Geschichten überhaupt eine Chance, in die Recherche zu kommen?

Stefan Plöchinger: Grundsätzlich hören wir da auf unsere Leser, das ist ja das Prinzip, und ich glaube, wir werden da noch weitere Überraschungen erleben. In der ersten Runde gab es eine breite Mehrheit für ein eigentlich trockenes Thema wie die Steuergerechtigkeit. Meine Arbeitsthese ist, dass sich die Leute meistens für die großen, grundlegenden Fragen der Gesellschaft interessieren werden, aber vielleicht werde ich da eines Besseren belehrt. Wir haben ja schon in dieser Runde um neue Themenvorschläge für Juli gebeten. Da war durchaus auch Interesse an lokalen Stoffen wie Gustl Mollath zu bemerken – wobei wir darüber ohnehin berichten wie kein anderes Medium, deshalb werden wir genau überlegen, ob wir solche Ideen wirklich für die nächste Runde in die Abstimmung werfen.

Next Media: Mit "Die Recherche" wird SZ zum Firstmover in Deutschland. Wie stärkt das Ihre eigene Medienmarke?

Stefan Plöchinger: Um fair zu sein: Ähnliche Projekte hat es mit "Die Frage" beim BR-Radio Puls und "st_ry.tv" als Crowdsourcing-Projekt schon gegeben. Aber ja, kein etablierter Verlag hat so etwas versucht. Natürlich ist das ein gewisses Signal in die Branche, dass nicht alle Verlage so verstaubt sind, wie viele Kritiker gerne sagen, aber darum geht es im Kern nicht. Wir wollen ernsthaft mit unseren Lesern ins Gespräch darüber kommen, welche Themen sie interessieren und welcher Journalismus sie im Digitalen interessiert. Wir haben diesen Dialog zu lange vernachlässigt, und natürlich wird nicht alles gleich von Anfang an prima klappen, aber wir werden lernen. Und das ist abseits der konkreten Geschichten, die hoffentlich spannend werden, das Wichtigste.

Next Media: Haben Leser eine höhere Bereitschaft, für Inhalte zu zahlen, die sie selbst in Auftrag gegeben haben?

Stefan Plöchinger: Ich denke, dass Leser auf einer abstrakten Ebene niemals zahlen würden und niemals gezahlt haben für Inhalte, die ihnen nicht passen. Wer die "Bild" nicht lesen wollte, weil ihm die Inhalte nicht gepasst haben, hat dafür nicht gezahlt. Umgekehrt: Wer die "SZ" lesen wollte, weil er die Inhalte liebt, hat immer dafür gezahlt und würde es auch ohne ein Projekt wie dieses tun. "Die Recherche" ist ja eigentlich nur die Fortsetzung dessen, wofür die "SZ" mit ihren vielen Qualitäten steht, mit den neuen digitalen Mitteln.

Next Media: Zuletzt wurde immer von "der" Zukunft des Journalismus gesprochen. Wenn "Die Recherche" ein Teil davon, welche Projekte treiben die Entwicklung noch voran?

Stefan Plöchinger: Unser Haus hat in der Zusammenarbeit mit dem ICIJ bei Offshore-Leaks gelernt, wie weit man mit globaler Kooperation kommen kann. Und Datenjournalismus, interaktiver Journalismus, Social-Media-Leserdialog – ich wüsste gar nicht, wo ich da anfangen soll, die positiven Beispiele aufzuzählen. So wenig wie es die eine Zukunft des Journalismus gibt – und es sie auch in der Vergangenheit nie gab –, so wenig gibt es die eine Möglichkeit, dorthin zu kommen. Wir müssen viele mögliche Spielarten ausprobieren, um unseren eigenen Weg als Medienmarke zu finden, auch als "SZ". Darum ist für uns "Die Recherche" so wichtig wie Offshore-Leaks oder der Zugmonitor.

Next Media: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Bildnachweise: Stefan Plöchinger / CIMMYT
Autor: Jan C. Rode

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