NEW STORYTELLING
15
Okto.2012

Transmedia Storytelling als Zukunft des Journalismus?

Klassische Erzählstrukturen und -riten haben schlagartig an Attraktivität verloren. Darunter leidet insbesondere der vormals so erfolgreiche Print-Journalismus, der nun mit Phänomenen wie dem Multi-Plattform-User und Medienkonsumenten, die zu 78% nebenher ein zweites oder gar drittes Gerät nutzen, zurechtkommen muss. Games, Telefon, Speichermedium sind mittlerweile allesamt in einem Gerät – Tablet, Smartphone oder TV – vereinbar und wandeln sich zunehmend in transmediale Medienkanäle. Der NextMedia-ThinkTank der Senatskanzlei Hamburg und der Initiative Hamburg@work e.V. beleuchtete in der vergangenen Woche neue Herausforderungen und Möglichkeiten für die Medienbranche.

Für Geschichtenerzähler eröffnen sich dadurch völlig neue Möglichkeiten. Fantasy-Autoren wie Joanne K. Rowling oder Cornelia Funke, die bei der Konzeption ihrer Tintenwelt-Trilogie mit Filmemachern und Gamesentwicklern kooperierte, nutzen bereits die neuen Möglichkeiten, wie sie u.a. im Transmedia Manifest dargelegt werden. Müssen Journalisten ihre Geschichten möglicherweise schon bald transmedial erzählen und zum Clip-Regisseur und Game-Designer werden?

Der Druck ist hoch, denn Unternehmen wandeln sich zunehmend zu Publishing Häusern. Sollte bei der Journalistenausbildung nicht bald eine neue Phase eingeläutet werden, die den fragmentierten Realitäten ins Auge blickt und sich von den Erlösrekorden vergangener Zeiten löst, bleibt nur noch die Nachberichterstattung zu firmeninszenierten Events wie der Rekordflug des Red Bull-Piloten Felix Baumgärtner vom Rand des Weltalls. Transmedia kostet zudem richtig viel Geld und auch Zeit – haben Journalisten und Verleger überhaupt einen derart langen Atem?

Eine Rettung könnte sein, dass sich gute Geschichten am Ende immer durchsetzen. Menschen verlangen nach Ordnung, nach Struktur und haben sich früher ums Lagerfeuer gescharrt, um ihre Welt zu ordnen. Heute bieten verstärkt Medien und Marken diese Orientierung. Einerseits haben Journalisten noch die Nase vorn, wenn es um Design und Vermittlung von Stories geht. Doch Marken finden andererseits zunehmend die richtige Sprache, um auch bei jüngeren Zielgruppen gehört zu werden.

Hinzu kommt, dass die Device Fragmentierung transmediales Storytelling vielerorts noch behindert. Aktuell scheint Responsive Web Design – also Angebote, die sich in ihrer Darstellung dem Ausgabegerät anpassen – die beste Antwort auf diese Herausforderung zu sein. Das könnte am Ende sogar Apps überflüssig machen, denn viele Lösungen laufen wie beim Boston Globe schon nativ im Browser. Doch auch hier ist die letzte Schlacht nicht geschlagen. Denn obwohl Responsive Design Kosten spart und die Abhängigkeit von Apple verringert, befindet sich der kommende Webstandard HTML 5 noch bis 2014 in der Schwebe. Zusätzlich lassen sich Standard-Werbeformate nicht auf allen Devices in gleicher Qualität ausspielen.

Sollten Journalisten also auf Transmedia Storytelling setzen und den Medienwandel gleichsam umarmen? Die Zeit wird langsam knapp, aber noch besteht der Markt für Kuratierungen. Die alten Lagerfeuer sind langsam am Verglühen, doch wenn Medienhäuser und Journalisten in Zukunft noch stärker auf die Herausbildung einer eigenen und modernen Markenidentität setzen sowie interdisziplinäre Teams aus Gamern, App-Entwicklern und Redakteuren bilden, kann neues Feuer entfacht werden.

 

Bildnachweis: flickr.com User yourdon / Gary Hayes 2010 unter CC-Lizenz

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